Mut zur Hoffnung — von der Überwindung einer Unkultur der Angst

Es gibt Momente, in denen frage ich mich, was eigentlich in der kirchlichen Arbeit falsch läuft. Sicher gibt es Gemeinden, in denen das eine oder andere zu verbessern ist. Gemeinden, die hinter ihrem Potential zurückbleiben. Es gibt aber eben auch viele Gemeinden, die spannend und innovativ arbeiten. Umso größer ist der Frust, wenn das nicht zum gewünschten Erfolg führt. In der Gemeinde, in der ich ganz normal als Pfarrer arbeite, machen wir viel, bei dem ich sagen würde, das ist objektiv gut. Und doch gelingt es nur sehr mühsam, die Leute anzusprechen, die ich doch gerne ansprechen würde.
Ich weiß, dass das mit Milieufragen zusammenhängt, und ich weiß, dass man da nichts anderes machen kann, als sich neuen Milieus zu öffnen, eine Gehstruktur zu entwickeln. Bei den beymeistern machen wir ja genau das, in dem Projekt, dem ich die andere Hälfte meiner Arbeitszeit widme. Und ich kenne die Gemeinden, die selber stärker auf diese Struktur setzen. Sie sind Vorreiter einer neuen Parochie, die zusammen mit kleinen neuen Projekten wie dem Raumschiff.ruhr oder ähnlichen Inseln das Gesicht der Kirche der Zukunft prägen.

Was mich beschäftigt ist die Frage, wie man solch ein Denken stärker in normalen Parochialgemeinden verbreiten kann. Oft bleiben die Stimmen der Innovation übertönt von sorgenvollen Chören oder einer schweigenden Mehrheitsfraktion, die bremsend wirkt. Wie kann es gelingen, die Menschen davon zu überzeugen, dass sie sich den Menschen stärker öffnen müssen, wenn sie nicht auf mittlere Sicht überaltern und auf lange Sicht zusammenschrumpfen wollen? Geht es den Gemeinden einfach noch nicht schlecht genug?

In diesem Blog sammele ich Ideen. Es sind Ideen, die während der Arbeit entstehen, die an mich herangetragen werden, die mir auf dem Weg begegnen. Aber all diese Ideen bringen in der Umsetzung doch nur etwas, wenn sie auf eine bestimmte Denkstruktur stoßen. Ansonsten sind es nur vereinzelte Anregungen, die nicht fruchten. Ein wenig erinnern sie dann an meine Tante, die die Sache mit der Biotonne prinzipiell unterstützen will, dann aber ihren Kompost in der Plastiktüte in die braune Tonne schmeißt, weil sie einfach nicht in der Denkstruktur drin ist. Tolle Flyer in der Gemeinde sind das eine. Aber die Kultur einer Gemeinde zu verändern, die Ängste wegzuspülen und die Lust am Aufbruch zu entwickeln, das ist etwas ganz anderes. Und das fehlt so oft: die Überzeugung, dass man sich auch in der klassischen Gemeindearbeit fokussieren muss, dass es darum geht, auf Augenhöhe mit nichtkirchlichen Angeboten mithalten zu können — nicht dasselbe machen, aber genauso gut. Der Ermüdung der Haupt- und Ehrenamtlichen mit einer Vision entgegenzutreten und notfalls das Ererbte infrage zustellen. Woanders funktioniert das doch auch: Hätte ich alles behalten, was ich aus dem Hausstand meiner Großmutter geerbt habe, würde ich heute in meiner Wohnung ein Gefangener zwischen lauter Relikten einer anderen Zeit sein. Dadurch, dass ich sortiert und bewusst einige Dinge erhalten und gepflegt habe, stehe ich in meiner Familientraditon und habe dennoch den Raum für Eigenes. Wie kann eine solche Denke in mehr Gemeinden Einzug halten? Die Entwicklung von Konzeptionen, die viele Gemeinden unternommen haben,  war ein Schritt, aber sie hat doch wenig ausgetragen, oder? Wie kann die Ortsgemeinde dadurch attraktiv werden, dass sie sich fragt: was brauchen wir wirklich – und was brauchen die Menschen im Stadtteil. Wie können also Bedenken und Vorsicht zugunsten von Pioniergeist und Freude am Aufbruch überwunden werden? Wie kann dieses Denken Einzug halten?

Um eines vorwegzunehmen: ich möchte nicht lamentieren. Ich möchte nicht über Überarbeitung diskutieren oder jammern. Ich möchte nicht die Menschen provozieren, die schon aufgebrochen sind. Aber ein „macht es wie bei uns“ von dieser Seite hilft uns nicht, andernfalls wären wir doch schon weiter in der Diskussion, oder? Ich bitte einfach um Ideen, wie sich die Unkultur der Angst und Bedenken, die Ermüdung und die Frustration überwinden lassen. Jetzt. Danke!

Wovor haben wir Angst?

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Ein Kommentar zu „Mut zur Hoffnung — von der Überwindung einer Unkultur der Angst

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  1. Gute Fragen! Ich habe manchmal den Eindruck, dass es auch an einer persönlichen Motivation und Zielsetzung fehlt. Hat „die Gemeinde“ denn überhaupt ein Anliegen? Etwas vor? Will „sie“ irgendwohin? Will „sie“ etwas bewegen? Will „sie“ ggf. auch gegen etwas vorgehen? Eine Alternative vorschlagen, vorleben, anbieten? Ich vermute, dass hier zuerst ein paar „Hausaufgaben“ gemacht werden müssen, bevor etwas passiert. Das sind ja auch keine einfachen Fragen – auch an jede und jeden persönlich. Wenn man sich sein „Christ sein“ selber kaum erklären kann, kaum eigene Worte findet, was man eigentlich glaubt und was das praktisch bedeutet – dann ist es auch wirklich schwierig andere davon zu begeistern …

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