Wir sterben.

Ich war in London. Wieder einmal. Es zieht mich immer wieder dorthin zurück, wo ich ein Jahr arbeiten durfte, in das Land, das mir die Veränderungen von Kirche nahebrachte, nach denen ich mich schon so lange gesehnt habe. Das Land, das mir gezeigt hat, dass es auch eine Kirche für Menschen gibt, die sich bisher als völlig unkompatibel mit Kirche eingeschätzt haben. Und die nun selber Kirche machen. Ich habe darüber geschrieben, manch einer kennt das Buch.

Nun war ich wieder da. Vier Jahre sind vergangen, seit ich hier gearbeitet habe. Und wieder einmal hat es mich angesteckt, dort zu sein. Es ist nicht nur das pulsierende Leben dieser Stadt, die Geschwindigkeit, die Weltläufigkeit. Sicher, das hat seinen Anteil. Es ist aber vor allem das Gefühl, dass diese Art von Kirche ansteckend ist. Sie macht Lust. Sie macht sogar den Kolleginnen und Kollegen Lust, die seit Jahrzehnten im Pfarramt sind – mit ihnen durfte ich diesmal reisen.

Wir haben Menschen getroffen, die Lust hatten. Menschen, die ich schon länger kannte, die mich nun aber aufs neue infiziert haben mit dem Neuen, das sie tun. Wer Lust hat, Energie, eine Vision, der geht in London, geht in England, geht in der Kirche dort den Aufbruch an. Wie kreative Menschen Firmen gründen, so gründen sie hier kleine kirchliche Zellen, fangen Neues an, weil sie das Alte verändern wollen. Nicht abschaffen, sondern wie Künstler das Gute nehmen und weiterentwickeln. Als Kommentar zur Zeit. Kleine prophetische Gruppen, die den Menschen zeigen, wie sehr Gott in diese Welt verwoben ist – eben jenen Menschen, die Gottes Wirken in ihrem Kontext gar nicht als Option gesehen haben.

Und es ist die Buntheit, die mich daran am meisten erfreut. Es sind nicht nur die Evangelikalen, nicht nur die Anglo-Katholiken, nicht nur die Liberalen, sie alle brechen auf, teilweise miteinander. Sie sprengen die Lager, die Klischees, wirken zusammen und schaffen die Kirche von heute.

Ist das alles neu? Sicher nicht. Aber kaum war ich diese Woche dort, war dieses Feuer wieder da. Die Lust, Kirche zu gestalten, die Freude daran, welche Möglichkeiten die Menschen hier haben.

Und das wirft Fragen auf. Fragen nach Schwere, nach Grenzen, nach scheinbaren Unmöglichkeiten. Und ich frage mich, was das ist, das in Deutschland diese Schwere gibt. Ein Freund meinte, dass die Not  noch nicht groß genug ist. Das klingt plausibel. Eine Freundin meinte, dass es die kirchliche Planwirtschaft ist, mit allen Korrektheiten und Quoten, die es so schwierig macht. Auch das klingt nachvollziehbar. Was es auch ist, es ist so unglaublich behäbig.

Sicher, es gibt Leuten in Deutschland, die aufbrechen. Ich bin auch einer davon. Aber gerade im Blick auf England, im Dortsein, im Reden mit den Akteuren des Aufbruchs auf der Insel, wird klar, wieviel mehr Kraft das hier kostet.

Ein Einwand mag sein, dass ich die Probleme dort nicht sehe, weil sie Startupstarter lieber von dem Guten reden, lieber vom Gelingen als von den Problemen. Ausschließen kann ich das nicht, aber so richtig glauben auch nicht. Es ist ein anderes Klima. Es ist das Klima eines Allesistmöglich. Es ist die Lust am Aufbruch, die größer ist als die Bedenken.

Komischerweise habe ich das besonders stark beim Evensong in St. Paul’s gefühlt. Nicht, weil hier aufgebrochen wird, im Gegenteil. Weil klar ist, dass die Fundamente dieser Kirche nicht erschüttert werden können. Wenn seit über tausend Jahren an derselben Stelle in derselben Form gebetet wird, dann wird klar: Man muss keine Angst vor Aufbrüchen haben.

Ich möchte dem hier in den nächsten Wochen ein wenig nachspüren (wenn mein neuer Job mir dazu Zeit lässt). Und ich möchte auf unsere Verunsicherung blicken. Die Verunsicherung, offen von Gott zu reden. Auf die Verunsicherung, die dazu führt, dass wir uns nicht heraustrauen. Die Verunsicherung, Dinge loszulassen.

Ich glaube, es ist die Angst vor dem Tod, die uns verunsichert. Das subkutane und viel zu selten offen ausgesprochene Gefühl, dass wir sinken und nicht schwimmen können. Dass wir vermeintlich machen können, was wir wollen, dem Kirchensterben aber nicht entgehen können. Ich glaube, wir haben genau davor Angst. Vor dem Sterben der Kirche, der Kirche, wie wir sie kennen – die aber doch an vielen Orten längst tot ist. Zumindest ist es das, was im Gespräch mit Kolleginnen und Kollegen immer wieder mitschwingt.

Die Frage ist: Wer, wenn nicht wir, sollte keine Angst vor dem Tod haben? Wer, wenn nicht wir, sollte darauf hoffen, dass nicht die Steine, die wir pflegen, sind, die uns tragen, sondern der Eckstein, der uns gegründet hat? Dass Gott weiter trägt, als wir es mit unserem Weiterso denken mögen? Dass selbst das Sterben nicht das Ende ist? Dass es weitergeht. Weil er weiter gegangen ist. Weil der Eckstein weiter da ist und immer da sein wird. Ich glaube, dass diese Erkenntnis in England tiefer vorhanden ist, irgendwie selbstverständlicher.

Und was das bewirkt, dem will ich weiter nachspüren, will meine Erfahrungen aus London teilen – es war nur eine Woche, aber es könnten ein paar Schlaglichter sein, die weiterführen. Und mir vielleicht auch helfen, dass dieses Englandgefühl so schnell verfliegt. Vielleicht kommt Ihr mit auf diese Reise. Würde mich freuen.

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Ein Kommentar zu „Wir sterben.

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  1. Unsere Kirche hält wie das hypnotisierte Kaninchen an ihrem Kurs fest, frei nach dem Mitto: der Tod kommt bestimmt und wir können ihn nur noch etwas herausschieben, wenn wir uns möglichst wenig bewegen. Statt unverfroren weiterzuleben und zu versuchen, neue Wege zu gehen, die der Lebendigkeit der Botschaft Jesu Rechnung tragen, ziehen wir den Kopf ein und verwalten das Wenigerwerden.
    Aber wenn die Situation schonmal so ist wie sie ist, was hätten wir zu verlieren wenn wir Neues wagen?
    Es war eine tolle Erfahrung in Lkndon und wenn auch sicher nichts 1:1 übertragbar ist, so ist doch deutlich, dass die Zukunft nicht im Festhalten, sondern im Loslassen dessen liegt, was einmal gut war, aber heute die Botschaft selbst behindert.

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