Wir sterben | Zweiter Teil: die Verwandlung

Siehe, ich sage euch ein Geheimnis:
Wir werden nicht alle sterben,
wir werden aber alle verwandelt werden.
(1 Kor 15,51)

Es ist lange her, dass ich in Walthamstow war. Vier Jahre sind seit meinem ersten Besuch vergangen. Vier Jahre seit den Treffen mit Frances, die hier ihre Kirche auf dem Marktplatz gebaut hat, vier Jahre seit meiner Begegnung mit St. Luke’s in the Highstreet. Ich schrieb darüber.

Damals war ich begeistert von der Art, wie hier Kirche gemacht wird: Das spärlich besuchte Kirchengebäude war verkauft worden zugunsten eines Marktstandes. Statt zwei Querstraßen weit weg zu sein, wollte die Gemeinschaft direkt hier sein, wo die Menschen sind, auf dem Markt. Und die Menschen haben sich auf dem Marktplatz zum Gottesdienst versammelt – kirchenferne Menschen, Arme, Obdachlose. Eben jene Menschen, die damals die Straßen von Walthamstow füllten. Anschließend ging es in ein Café, um zu frühstücken und Bibelarbeit zu machen, das war die Predigt. Es gab Kaffee, offene Ohren, Kirche mitten im Leben.

Nun bin ich also wieder hier. Stehe an demselben Marktstand, sehe auf einige der Gesichter von damals. Und doch ist es anders. Weil sich Walthamstow gewandelt hat. Am Ende der Straße stehen schicke Mietshäuser. Der Markt, beim letzten Mal ein kleiner Bauernmarkt, ist heute hip herausgeputzt. Es gibt Stände, an denen Butter gemacht wird, mit Erklärung, in schicken alten Holzfässern. Es gibt Delikatessenstände, lokal gerösteten Kaffee, es duftet herrlich. Und die Leute? Sind gemischter als früher. Milieumäßig ist Walthamstow deutlich breiter aufgestellt als damals, es wirkt bei weitem nicht mehr so arm.

Und doch gibt es sie noch, die alte Klientel von St. Luke’s. Hier und dort sind sie zwischen den Menschen zu sehen. Nicht auf dem teuren Käsemarkt, aber am Rande. In dem kleinen Pavillon, der morgens hier aufgebaut wird, ein einfaches Zelt mit Kaffeetassen drunter. Hier findet man sie, die Menschen. Das bestätigt mir Donna. Donna war bisher Jugendmitarbeiterin in der Kirche, aber nun leitet sie die Arbeit bei St. Luke’s, denn Frances ist nicht mehr da. Die toughe Pfarrerin ist weitergezogen, um an anderer Stelle zu revolutionieren – nicht anders kann man das nennen, was sie hier gemacht hat.

Donna beschreibt mir die Arbeit von St. Luke’s. Sie erzählt davon, wie Menschen noch immer fragen, wo denn die eigentliche Kirche sei, wenn sie den Marktstand sehen. Sie denken, das kleine Zelt sei ein Ableger, eine Außenstelle. Aber es ist nach wie vor so: Es gibt kein Kirchengebäude von St. Luke’s. Donna erklärt es immer wieder. Die Kirche hier, das sind keine Steine, die Kirche sind die Menschen, die kommen und mitmachen.

So sind es die Armen, die Obdachlosen und die Ehrenamtlichen, die mitmachen, die St. Luke’s ausmachen. Die vor vier Jahren leise angedachten Pläne, ein Ladenlokal zu mieten, hat man aufgegeben. Denn Kirche soll fluide sein, keine bleibende Stadt haben. Immer noch geht man zum Frühstück in ein Restaurant, aber auch hier hat es Veränderungen gegeben: Zu viele Menschen waren nur zum Essen gekommen, haben sich nicht für den Gottesdienst interessiert. Die Gemeinschaft hat darunter gelitten. So wurde konsequenter geguckt, wer auch an den Inhalten interessiert war, denn Sozialstationen gibt es viele. Man hat sich gesundgeschrumpft, hat an der Gestalt gearbeitet – und hat Kirche, wieder einmal, relevanter werden lassen.

Es ist diese Fähigkeit zum Wandel. Statt sich auf der Radikalität des eigenen Schrittes auszuruhen und sich selbst zu feiern dafür, dass man auf der Straße feiert, dass man einen Laden mit Menschen füllt, statt einfach weiterzumachen, hat sich die Gemeinschaft neu hinterfragt. Und das ist nötig bei dem Wandel, in dem sich der Stadtteil befindet. Keine Ahnung, wo die Obdachlosen in zwei, drei, vier Jahren sind. Vielleicht bleiben sie wegen dieser Kirche. Vielleicht werden sie verdrängt – dann wird sich die Arbeit weiter wandeln müssen. Und das wird gelingen, da bin ich sicher.

So steht St. Luke’s in the Highstreet für den stetigen Wandel. Für das Immerwiederneu, das ich mir wünsche. Und während viele noch über zaghafte erste Schritte der Veränderung nachdenken, ist man hier schon viel weiter im Transformationsprozess. Die alte Kirche war hier schon lange tot. Sie ist auferstanden, verwandelt, als Gemeinschaft von Menschen, nicht als Betreiberin eines teuren Gebäudes. Und als solche wandelt sie sich immer weiter. Weil der Tod nicht das letzte Wort hat, weil im Tod Wandel und Leben liegt. Weil die Verantwortlichen hier gemerkt haben, dass sie den Tod nicht fürchten müssen. So wird der Wandel, das Überleben, das Neugestaltgewinnen zu einer Glaubensfrage. Das Kirchenverkaufen, das Gesundschrumpfen, das Weitermachen, das Menschenkirchesein.

Was mir in vielen Gemeinden in Deutschland passiert ist, ist dagegen Angst. Es ist die Angst, das aufzugeben, was uns vermeintlich ausmacht. Dabei geht es mir gar nicht darum, dass alles aufgegeben werden soll – aber um eine Verwandlung zu erzielen, eine Verwandlung, die nötig ist, um für die Zukunft aufgestellt zu sein, müssen Dinge sterben gelassen werden. Nicht alle. Aber doch einige – und in jeder Gemeinde andere. Manche Gemeinden klammern sich an Gebäude, als würden sie allein die Identität der Gemeinde ausmachen. Andere klammern sich an überkommene Angebote. Dinge, die vor zwanzig, dreißig Jahren innovativ und fortschrittlich entwickelt wurden, und das auch tatsächlich waren, werden heute noch gefeiert. Dabei haben auch sie sich oftmals überholt. Aber sie haben Gemeinden geprägt, Identitäten – und sie aufzugeben, sägt vermeintlich am Wesen der Gemeinde. Dabei ist das Wesen einer Gemeinde doch der Wandel. Statt sich zu fürchten, dass bei kleinsten Änderungen die letzten Getreuen wegbleiben, sollten wir überlegen, dass es vielleicht genau der Wandel ist, der uns den Menschen wieder näher bringt. Wie oft musste sich Gottes Volk in der Bibel neu orientieren, neu einnorden auf ihn und dabei vermeintlich Identitätsstiftendes hinter sich lassen? Weil die Identität eben nicht am Garten Eden, nicht an Dingen wie einem mobilen Heiligtum, an Gesetzestafeln, ja noch nicht einmal an der Präsenz eines irdischen Jesus, eines fleischlichen Hirten, hängt.

Der Blick nach Walthamstow zeigt  mir, was wir im Blick auf Deutschland wagen dürfen. St. Luke’s sagt mir: seid mutig. Wagt etwas. Vielleicht muss nicht jeder die Kirche verkaufen. Aber jeder darf etwas wagen. Mut haben. Aber sich selbst nicht für den Mut feiern. Hoffnung haben. Nicht den Tod im Blick sondern die Verwandlung. Hinterfragen. Immer wieder. Sich nicht auf ersten Erfolgen ausruhen, sondern weitermachen. Einfach so. Weil es weitergeht.

 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Bloggen auf WordPress.com.

Nach oben ↑