Wir sterben | Dritter Teil: der einsame Tod.

„…und sie werden sein Volk sein und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein.“
(Offb. 21,3)

Wieder einmal bin ich in Londn zu Besuch im St. Mellitus-College gewesen.
Es ist jene Ausbildungsstätte, die mich vor vier Jahren erstmals begeistert hat. Pfarrerinnen und Pfarrer werden hier dual ausgebildet. Die Hälfte der Zeit studieren sie, die andere Hälfte ihrer Zeit sind sie in der Gemeinde. Die Hürde ins Pfarramt ist durch diesen Ansatz merklich kleiner geworden, es gibt viel mehr Menschen, die sich an das Theologiestudium wagen, viel mehr, die Pfarrerin, die Pfarrer werden wollen. Ich wiederhole nicht alles, was ich an anderer Stelle schon beschrieben habe, aber ein Faktor ist mir noch einmal klar geworden: Hier wird nicht in richtig und falsch unterteilt. Hier studieren anglo-katholisch geprägte Menschen neben Evangelikalen, alle Flügel der breit aufgestellten anglikanischen Kirche sind vertreten und kommen miteinander aus – ja bereichern einander. Die Flügel treten miteinander in Dialog. Jeder darf einmal den Gottesdienst in dem ihm gewohnten Stil feiern, so geht es reihum, und alle feiern mit. Sie bereichern sich statt zu neiden, sie lernen voneinander anstatt sich in Klischees zu suhlen. Antagonistisch anmutende Kräfte wirken miteinander und multiplizieren sich.

Und das ist es, was mir so oft fehlt.

Die Grabenkämpfe in der mir bekannten Kirchenlandschaft hier in Deutschland sind enorm. Die einen sehen alles theologisch komplett anders als die anderen, gegenseitig stellen sie sich in die böse Ecke, meckern über „die Frommen“, „die Liberalen“, „die Traditionalisten“ – und alle haben sie Recht. Also jeder sieht sich im Recht. Und selbst wer aus demselben Lager kommt, wird sofoert kritisch beäugt, wenn Dinge gelingen. Im Pfarrkonvent ist es ein Wahnsinn, zu sehen, wie wichtig sich alle für sich nehmen. Ein Hauen und Stechen, wer den vollsten Terminkalender, am meisten Stress, am wenigsten Zeit für irgendwas hat. Wer Neues lostritt wird sowieso schonmal schief angesehen, denn wer für sowas Zeit hat, der kann ja seine Arbeit nicht richtig machen. Und wer traditionelle Arbeit mit Orgel oder Kulturpgrogramm macht, der wird schnell in die Rentner-Ecke gestellt.

Wir werden sterben, wenn wir so weiter machen. Vielleicht werden wir so oder so sterben. Aber das Sterben wird einsam sein, und das Verwandeltwerden (siehe Teil 2) umso schwieriger.

Weil wir uns nur um uns selbst drehen. Weil wir immer anderen die Schuld an der Krise geben (gerne auch dem Landeskirchenamt), weil es so schwierig zu sein scheint, über den eigenen Schatten zu springen und anderen Gutes zu gönnen.

So reiben wir uns auf, versuchen teilweise in Nachbargemeinden mit demselben Programm zu konkurrieren. Ich weiß, dass viele Pfarrerinnen und Pfarrer aus demselben Stall kommen und daher villeicht gar nicht anders können als ähnliche Programme zu entwerfen. Daraus aber entsteht leidige Konkurrenz. Gemeinden graben sich das Wasser ab.

Dabei arbeiten wir doch eigentlich alle für denselben Herrn. Für dieselbe Gottheit, wir sind ein Volk. Aber wir führen gegeneinander Bürgerkrieg und gönnen uns nichts. Im Blick auf die Ökumene ist es nicht besser. Freikirchen werden als Radikale gesehen, Katholiken als Reaktionäre. Aber die Größe, einen Schritt zurückzutreten und zu sagen: „Lasst es uns gemeinsam tun“, die sehe ich nur selten wirklich konsequent umgesetzt. Und das ist schade. Denn letztlich stehen wir doch nicht in Konkurrenz zueinander sondern in Kooperation.

Ich freue mich über all die Orte, wo es anders ist. Und wünsche mir mehr davon.

Der Blick auf den eigenen Kirchturm scheint aber oft einfacher zu sein. Vielleicht sind die Kirchtürme das einzige, was uns noch Identität zu geben scheint. Dabei sind sie es nicht, die das tun. Identität gibt uns der, dessen Volk wir sind.

Wir alle. Gemeinsam. Also los. Lernen wir voneinander. Zeigen wir einander, was wir können. Aber nicht, um anzugeben. Nicht, um zu zeigen, wie jeder und jede am besten die Kirche retten kann. Sondern als viele kleine Steinchen im großen Bild. Mit verschiedener Farbe, verschiedener Form. Als ein Volk. In St. Mellitus funktioniert das. Warum nicht hier?
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