/pre̱·digt/ Unverschämt von Gott reden.

Diese Predigt habe ich zu meiner Einführung in meine neue Pfarrstelle in Köln Mülheim gehalten.

Liebe Gemeinde, jetzt stehe ich hier.
Ich kann es selber noch kaum glauben. Und doch ist es so.
Ich stehe auf dieser Kanzel, in dieser Kirche, in der so viele andere vor mir gestanden haben. In dieser Gemeinde, die sich auf eine so lange Tradition bezieht.
In diesem Stadtteil, der so wunderbar, so wandelbar, so vielgesichtig ist.
Jetzt stehe ich also hier.

Die Kraft meiner Oma
Und Schuld ist wohl meine Oma.
Meine Oma, deren erster Griff morgens zu der alten zerlesenen Bibel ihrer Mutter auf dem Nachttisch ging.
Meine Oma, die keine Dogmatikerin war, die Paulus nicht leiden konnte, weil er ihr zu moralisch war, der die Freiheit des Glaubens viel wichtiger war als alle theologische Richtigkeit.
Meine Oma. Sie hat mich den Glauben gelehrt.

Ich erinnere mich daran, als ich ein kleines Kind war, ungefähr fünf Jahre alt, das muss ungefähr 1985 gewesen sein. Da war ich mit meiner Oma im Skiurlaub. Wir waren in der Schweiz, und während ich tagsüber im Ski-Kindergarten war, machte sie Spaziergänge. Sie holte mich dann hinterher ab, es gab einen warmen Kakao.
Ich kann mich nicht mehr erinnern, wie lang dieser Urlaub war, aber er ist mir als sehr besonders in Erinnerung geblieben. Er ist mir als sehr besonders in Erinnerung geblieben, weil ich in diesem Urlaub von ihr das Vaterunser gelernt habe. Abends, wenn wir in unseren Betten lagen, dann beteten wir. Jeden Abend ein Stück mehr von diesem Gebet, das mich seither begleitet, wie es so viele Christen ihr Leben lang begleitet.
„Denn dein ist das Reich. Und die Kraft.“
Der Herr ist meine Kraft.
Ich habe diese Bekenntnis von meiner Oma geerbt, das Bekenntnis, das auch schon Israel geteilt hat. Anders formuliert, aber das gleiche meinend: Unser Herr ist Gott. Wir haben es eben gehört.
Und diese Überzeugung hat mich begleitet. Bis hier.

Es soll hier heute nicht um meine persönliche Geschichte gehen. Oder nur am Rande. Denn ich glaube, dass ich mich mit meiner Geschichte da einreihe, wo unser Auftrag liegt. Es war der Auftrag meiner Oma, den Glauben weiterzugeben, wie es mein Auftrag ist, den Glauben weiterzugeben. Wie es der Auftrag Israels war, den Glauben weiterzugeben, und ebenso der Auftrag der Jüngerinnen und Jünger, als sie Jesus das letzte Mal sahen:

Kraft Gottes

Erzählt den Menschen, was ihr mit mir erlebt hat. Lehret sie. Bringt ihnen bei, was es mit dem Evangelium auf sich hat. Denn das Evangelium ist eine Kraft Gottes, die selig macht. So sagt es Paulus, der Recht hat, auch wenn meine Oma ihn nicht leiden konnte. Eine Kraft Gottes, die dem Leben die Härte, die Kälte, die Unberechenbarkeit nimmt. Das ist das Evangelium. Eine Kraft Gottes, die das Leben reicher macht, ein Schatz, den wir haben, der uns geschenkt ist. Und es ist unsere Aufgabe, diesen Schatz zu teilen.
Wie Israel. Wie meine Oma. Es sind die guten Erfahrungen des Glaubens, der trägt. Es sind die Erlebnisse mit einem Gott, der ein Volk aus der Knechtschaft geführt hat. Die Erfahrungen mit einem Gott, der jeden Menschen zu einem freien Wesen geschaffen hat, zu einem Wesen frei von Ängsten und Sorgen, von Unterdrückung und Knechtschaft.

Meine Erfahrungen sind die mit einem Gott, der auch mich nun also hierher geführt hat, wenn auch auf Umwegen. Auf die Kanzel in Köln Mülheim. Obwohl ich doch eigentlich mal Journalist werden wollte. Obwohl ich mit der Kirche, wie sie mir begegnet ist, nicht viel anfangen konnte, weil sie mir zu weit weg von meinem Leben erschien. Obwohl ich früher nie Pfarrer werden wollte, weil die meisten Pfarrer, die ich kannte, so anders waren.

Der Herr ist meine Kraft. Die Kraft, die es mir möglich macht, mich diesem Job zu stellen in einer Kirche, in der Veränderung so schwer möglich scheint. In einer Kirche, die mir an vielen Stellen immer noch viel zu weit weg ist vom Leben der Menschen, zumindest vieler Menschen, die so sind wie ich.

Ich möchte hier, wie so viele vor mir, von der Kraft Gottes sprechen. Nicht weil ich glaube, dass ich das besonders gut könnte. Sondern weil ich glaube, dass es unsere Aufgabe als Kirche ist.

Die Kraft als Aufgabe der Kirche

Ja, es ist sogar das, was Kirche ausmacht. Das Sprechen von der Kraft.
Kirche ist da, wo das Evangelium gepredigt wird und die Sakramente gereicht werden.
Kirche ist da, wo man von der Kraft Gottes spricht.
Und zwar so, dass die Menschen das verstehen.
Und Kirche ist da, wo in Taufe und Abendmahl diese Kraft ganz konkret spürbar wird. Als Zuspruch, in dem Wasser, in dem Brot, in dem Wein.
Und wo es nicht gelingt, den Menschen, diese Kraft Gottes nahe zu bringen. Da verfehlt die Kirche nicht nur ihren Auftrag, nein:
||: Wo es nicht gelingt, den Menschen diese Kraft Gottes nahe zu bringen, da ist keine Kirche. :||

„Sind Sie Fundamentalist?“

Vielleicht, ja vielleicht denken Sie jetzt: „Oje. Was haben wir uns da für einen Fundamentalisten ins Haus geholt. Ist das jetzt einer, der jeden mit der Bibel überrennen will, weil er sich von Gott dazu berufen sieht? Will der uns radikalisieren?“
Ich kann Sie beruhigen. Das will ich nicht, weil ich das nicht bin – und weil ich die Früchte eines solchen bevormundenden Glaubens kenne.

Ich habe in England in einer Gemeinde gearbeitet, die sehr klar wusste, was andere alles falsch machten, und warum sie ständig sündigten. Ich habe einen Glauben erlebt, der bevormundend, verletzend, entmutigend und ängstigend war. Ich kenne diese Tendenzen und finde sie unerträglich. Denn so etwas gibt keine Kraft. Es raubt sie.

Aber gerade die Erfahrung aus England lehrt mich, dass es eine Möglichkeit geben muss, Glaubensfragen offen anzusprechen ohne direkt in der Fundamentalistenecke zu landen.

Es ist ein Grund, warum ich mich hier beworben habe. Denn diese Gemeinde hat sich das ja mit ihrem Bekenntnis zu einem Glauben der Freiheit selber auf die Fahnen geschrieben. Drüben, in dem Raum, wo es nachher Kaffee und Kuchen gibt, hängt das aus.

Es ist aber noch ein Unterschied, einen freiheitlichen Glauben zu haben und offen darüber zu sprechen. Ich habe manchmal das Gefühl, dass die Kirche an einigen Stellen verlernt hat, offen und unfundamentalistisch über Gott zu sprechen.
Dass es da so eine verschämte Leerstelle gibt, wenn es darum geht, in Glaubensfragen nicht nur eine Meinung zu haben sondern diese auch offen zu äußern, eine Scheu, Gott als Argument, als Mitstreiter ins Gespräch zu bringen. Es scheint eine diffuse Angst zu geben, dass man Menschen verschreckt, wenn man offen über den Glauben redet, wenn man Gott beim Namen nennt, ihn ins Zentrum stellt.
Dass Gott, dass diese Kraft, dass dieser Schatz, den wir doch haben, wohlbehütet versteckt gehalten wird.
Kennen Sie das? Wenn Sie sich hierin nicht wiederfinden, umso besser.

Aber manchmal, ja, manchmal habe ich den Eindruck, dass Gemeinden vor lauter Tortentreffen und Bratwurstbräterei ihren Auftrag aus dem Blick verlieren. Und manchmal wirken Gemeinden dann eher wie ein gut organisierter Verein als wie eine Glaubensgemeinschaft.
Verstehen Sie mich nicht falsch: Es ist toll, sich auf Kaffee und Kuchen, zum Essen, zum Spielen zutreffen. Es ist nur schwierig, wenn das Eigentliche dabei nicht mitgedacht wird. Wenn aus dem Blick gerät, in wessen Auftrag wir eigentlich Gemeinschaft sind, was der Kern unserer Aufgabe ist.

Von der Kraft sprechen

Und der Kern ist folgender: Wir sind eine Gemeinschaft, die die Kraft Gottes verkünden soll. Und wenn uns das suspekt wirkt, weil zu viele Gruppen das auf einschüchternde und einengende Weise machen, dann kann doch die adäquate Antwort nicht sein, lieber gar nicht mehr laut von Gott zu sprechen, allenfalls noch im Gottesdienst oder in den Andachten.
Die adäquate Antwort wäre doch, umso lauter von der Freiheit zu sprechen, von der Angstlosigkeit, von der Lebenskraft, ja vom stark machenden Evangelium Gottes, das eben nicht einengen möchte.

Der Herr ist meine Kraft.

Der Prophet Habakuk, der den Vers ursprünglich in seinem Buch geschrieben hat, der hat genau diese freimachende Kraft gespürt. In Zeiten politischer Bedrängnis hat er darauf gehofft, dass Gott kommen und ihm helfen wird.
Diese Hoffnung aufzunehmen, das wünsche ich mir von einer Kirche, die ihrem Auftrag gerecht wird.

Und ich wünsche mir, das an mehr Orten zu sehen.
Vielleicht kann dieser Gedanke dazu helfen:

Form follows function
Der Architekt Louis Sullivan hat für die Architekturwelt die Devise aufgegriffen, dass die Form der Funktion folgen muss. Form follows function. So war das Schlagwort dazu.Sie kennen das vielleicht.
Ich wünsche mir eine Gemeinde, die diesem Grundsatz folgt, eine Gemeinde, die die Funktion über die Form stellt. Eine Gemeinde, die in allen Formen, in allen Ausprägungen ihres Gemeindeseins diese Funktion zugrunde legt.
Und damit bin ich, abschließend, hier in Mülheim.

Mülheim
Im Bewerbungsgespräch wurde ich gefragt, wo ich die Gemeinde in zehn Jahren sehen würde. Ich habe gesagt, dass ich eine evangelische Gemeinschaft im Stadtteil sehe. Ich sehe eine Gemeinschaft, die für die Menschen als auskunftsfähig in Glaubensfragen angesehen wird. Als authentisch. Eine Gemeinschaft, die dem protestantischen Urprinzip folgt, das Evangelium zu verkündigen. Und das meine ich nicht nur aus Prinzip, weil es unser Auftrag ist, sondern auch weil es die Funktion ist, die die Menschen in der Kirche suchen. Die Menschen, die mir hier im Stadtteil begegnen, suchen in der Kirche ein Gegenüber, das in Glaubensfragen kompetent ist. Sie suchen jemanden, der qualifiziert und nicht einengend von Gott spricht. Denn wer, wenn nicht die Kirche, könnte das sein? An wen sollen sie sich damit wenden? Das muss nicht unbedingt jemand sein, der auf alle Fragen eine Antwort hat. Aber jemand, der sagt: „Ich koche für andere Kaffee, weil es unsere Aufgabe als Gemeinde ist, Menschen zusammenzubringen.“ Oder: „Ich mache Musik, weil Gott über viele Sinne zu den Menschen spricht.“ Oder: „Ich helfe den Menschen am Wiener Platz, weil Gott möchte, dass wir für eine bessere Welt sorgen.“

Ich wünsche mir, dass aus allem, was wir tun, dieses Selbstverständnis spricht: wir sind eine evangelische Gemeinschaft und leben und verkünden das Evangelium in Wort und Tat. Darum machen wir das, was wir machen.
An einigen Stellen scheint das ja auch schon durch: Im Presbyterium, da wo Menschen Gottesdienste mitgestalten, wo das Kulturprogramm geistig unterfüttert wird. Ausstellungen und Konzerte werden mit geistlichen Veranstaltungen unterfüttert. In der Jugendkirche geistreich, bei den beymeistern. Sprechen von der Kraft Gottes so, dass die Leute das verstehen.

Anderes wirkt aber noch merkwürdig abgelöst, die Aufgabe scheint aus dem Blick geraten zu sein. Das ist übrigens nicht nur meine Wahrnehmung: Ich habe mich in den letzten Wochen mit einigen Presbyterinnen und Presbytern getroffen, und immer wieder habe ich den Wunsch gehört, diese losen Enden in der Arbeit stärker zusammenzuführen, diese abgelösten, alleinstehenden Teile.

Unser Auftrag
Unser Auftrag, unsere Funktion, die ist es, die diese losen Enden zusammenbinden kann.
Nicht nur hier. Auch bei Euch und Ihnen, wo immer Sie heute herkommen.
Unser Auftrag. Der Auftrag Israels. Der Auftrag Ihrer Glaubensväter und -mütter, der Auftrag meiner Oma, mein Auftrag, Ihr Auftrag. Unser aller Auftrag: Zur Kraft-Tankstelle zur werden, zur Schatzkammer, die unsere Stadtteile mit seinen Menschen bereichert, in vielen Formen. Zum Ort der Freiheit, der Liebe, der Offenheit, der Stärkung werden. Lassen Sie uns das gemeinsam angehen. Damit wir erkennbar und ansprechbar sind als evangelische Gemeinschaft am Ort.

Damit wir es mitteilen können:
Der Herr ist unsere Kraft.

Amen

 

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