Soß mit Kloß und Kirche mit Sinn.

Ich war am Wochenende in München. Dort hatte ich das Vergnügen, die Forschungsbrauerei München zu besuchen. Auf den ersten Blick nicht ungewöhnlich. Zünftiger Brauhauskitsch in Verbindung mit wunderbarem Brauhausessen, dazu gutes Bier.
Was stutzig macht, ist der Name. Nicht nur, dass das Schnitzel „Forschungsschnitzel“ hieß, was mich eher an Tierversuche als an Brautradition erinnert hat – der Schweinebraten war trotzdem großartig – skurril finde ich vor allem, dass dieser Laden seit fast 90 Jahren „Forschungsbrauerei“ heißt. Während ich anfangs, also bevor ich das Ding das erste Mal sah, dachte, es handele sich um ein Experimentallabor, also eine dieser kleinen Brauereien, die momentan wie Pilze aus dem Boden schießen, wurde ich schnell eines Besseren belehrt.

Ein wackerer Münchner, Gottfried Jakob, war nämlich schon im Jahr 1930 unzufrieden mit der Art und Weise, wie in Bayern Bier gebraut wird. Darum schuf er diese Brauerei, um selber an neuem Bier zu forschen. Er hat die Chuzpe besessen, in Bayern (!) eine jahrhundertealte (!!) Tradition (!!!) auf ihre Praktikabilität zu untersuchen und neue Wege (!!!!) zu gehen. Und es ist ihm gelungen. Er hat neue Brauverfahren entwickelt und über 50 Patente angemeldet. Dieser Mann hat das Brauereiwesen verändert.

Die Idee, neu zu starten und Bewährtes zu verbessern in einem Metier, das seit Jahrhunderten durch Gebote und Traditionen geprägt war – und das auch noch zu schaffen, das ist einfach wunderbar. Es imponiert. Denn hier trifft Sehnsucht nach Aufbruch auf die Gewalt der Tradition – und setzt sich durch. Ich glaube, dass die Kirche in der heutigen Zeit genau das dringend braucht. Das ist nicht meine Idee, das sagen viele. Und ich sehe auch in der Kirche diese kleinen Labore an verschiedenen Orten, Forschungsgemeinschaften, und hoffe, dass es ihnen gelingt, das große Ganze zu verändern. Und ich sehe, wie sowas vor neunzig Jahren in einem Bereich möglich war, der vielen Bayern wahrscheinlich heiliger ist als die evangelische Kirche. Und ich sehe, dass es Wirkung hatte und nicht eingestampft wurde, dass dort heute noch gegessen und getrunken wird. Und dass das Bier gut ist und dass nicht alles den Bach runtergegangen ist, sondern dass man im Gegenteil fragen darf, wo das Brauwesen ohne solche Menschen heute wäre. Und ich teile Gottfried Jakobs Hoffnung nach besseren Produkten, nach mehr Praktikabilität, nach mehr Nähe zu den Menschen, nach einer Gehstruktur, die er für das Bier formuliert hat, die aber genau so und mehr und intensiver für Kirche notwendig ist. Er formulierte das folgendermaßen:

„Das fertige Produkt muss vom Konsumenten, d.h. vom Biertrinker beurteilt werden; sein Urteil ist ganz allein maßgebend. Wir brauen nur, um allen Mitmenschen im Bier ein Labsal zur körperlichen und seelischen Kräftigung zu schaffen.“

Ersetze Bier durch Kirche und Konsumenten durch Gläubige.
Wäre es nicht ein Traum, wenn mehr Kirchen sich das zu Herzen nehmen würden? Wenn sie dem Kirchgänger allein das Urteil überließen, wenn es maßgebend wäre, was die Menschen bräuchten? Wenn wir allein Gottesdienste machten, um die Menschen in der Begegnung mit Gott im Gottesdienst ein Labsal zur körperlichen und seelischen Kräftigung zu geben? Wenn das, was wir täten, die Leute wirklich erbauen würde? Also in der Breite der Bevölkerung? Wenn wir jahrhundertealte Traditionen auf ihre Brauchbarkeit hin hinterfragen dürften, ohne dass das direkt als Bedrohung gewertet wird?

Gottfried Jakob hat weiter Bier gebraut. Er hat das Brauwesen durch seine Veränderungen nicht vor die Wand gefahren. Er hat es verbessert.


Können wir nicht besser Kirche machen? Können wir nicht von den Aufbrüchen mehr in die Parochie, in die Arbeit am Ort, in die klassischen Strukturen aufsaugen? Mein Wunsch wäre es.

Den Menschen Labsal bieten. Nicht mehr. Aber auch nicht weniger. Das ist es, was ich aus dem Brauhaus gelernt habe. Und außerdem noch, dass kleine Kinder in solchen Wirtschaften „Soß mit Kloß“ essen.
Aber die erste Erkenntnis ist mir wichtiger.

Ein Kommentar zu „Soß mit Kloß und Kirche mit Sinn.

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  1. Die erste Frage ist für mich, ob man Kirche überhaupt als Produkt bezeichnen darf. Wenn man bereit ist, diese Frage mit ja zu beantworten, gibt es immer noch verschiedene Optionen. Die eine ist, dass man grundsätzlich etwas Unverzichtbares anbietet wie das Grundnahrungsmittel Bier und dieses Bier eben nur besonders gut machen muss, um Erfolg zu haben.

    Die andere ist, dass man ein Produkt hat, das durch grundsätzlichen, insbes. technischen Wandel, von anderen prinzipiell überholt wird, wie es der Pferdekutsche mit dem Auto ergangen ist, dem Versandhauskatalog mit der Internet-Bestellung und dem Plattenspieler mit dem MP3-Player. Da hat es dann keinen Sinn, eine besonders gut Pferdekutsche, einen besonders guten Katalog oder den weltbesten Plattenspieler anzubieten, weil die Entwicklung schon längst in eine ganz andere Richtung gelaufen ist.

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