/pre̱·digt/ Gott zieht um. Warum die Kirche in die Lehre muss

Predigt am 5. Mai 2019 über Ez 38

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Kennen Sie sich mit Schafen aus?

Ich nicht so wirklich.

Wenig genug jedenfalls, um eine mir bis dato völlig unbekannte Tatsache herauszufinden, als ich mich diese Woche etwas eingelesen habe.

Schafe sind nämlich – jetzt halten Sie sich fest – Schafe sind zahme Tiere.

Wer je ein Schaf gewuschelt hat, weiß, dass sie nicht beißen.

Das meine ich aber nicht. 

Schafe sind zahme Tiere nach Paragraph § 960 Absatz 3 des Tierschutzgesetzes. Es sind zahme Tiere, weil sie psychisch an den Menschen gewöhnt sind. Ich kenne einige Menschen, von denen ich das nicht sagen kann [das war ein Witz], aber bei Schafen bedeutet das: sie kehren immer wieder an einen bestimmten Ort zurück und gehören daher einem Herren.

Sobald diese Tiere aber diese Gewohnheit ablegen, an einen Ort zurückzukehren, werden sie herrenlos. Herrenlose Schafe flottieren frei herum und laufen Gefahr, abgeschossen zu werden. Konkret habe ich über eine Auseinandersetzung zwischen Landwirten im Schaumburger Land und dem Ordnungsamt Rinteln gelesen, bei denen es um die Frage gibt, ob diese verwilderten Schaft abgeschossen und gegessen werden dürften oder ob sie als Wild denselben Schutz genießen wie Hirsche und Rehe.

Schafe, die ihren Hirten verlieren, haben jedenfalls ein Problem.

Nicht weniger aber haben Hirten, die ihre Schafe verlieren, ein Problem.

Der Predigttext für heute steht beim Propheten Ezechiel 34 und lautet folgendermaßen:

Und des HERRN Wort geschah zu mir: Du Menschenkind, weissage gegen die Hirten Israels, weissage und sprich zu ihnen: So spricht Gott der HERR: 

Wehe den Hirten Israels, die sich selbst weiden! Sollen die Hirten nicht die Herde weiden? So spricht Gott der HERR: Siehe, ich will an die Hirten und will meine Herde von ihren Händen fordern; ich will ein Ende damit machen, dass sie Hirten sind, und sie sollen sich nicht mehr selbst weiden. Ich will meine Schafe erretten aus ihrem Rachen, dass sie sie nicht mehr fressen sollen.Denn so spricht Gott der HERR: Siehe, ich will mich meiner Herde selbst annehmen und sie suchen. Wie ein Hirte seine Schafe sucht, wenn sie von seiner Herde verirrt sind, so will ich meine Schafe suchen und will sie erretten von allen Orten, wohin sie zerstreut waren zur Zeit, als es trüb und finster war. Ich selbst will meine Schafe weiden, und ich will sie lagern lassen, spricht Gott der HERR. Ich will das Verlorene wieder suchen und das Verirrte zurückbringen und das Verwundete verbinden und das Schwache stärken und, was fett und stark ist, behüten; ich will sie weiden, wie es recht ist.

587/86 vor Christus, also vor rund 2600 Jahren, ist das Volk Israel von Babylon überrollt worden. Israel wurde erobert, die oberen Zehntausend des Staates wurde nach Babylon verschleppt ins Exil, und viele Menschen – unter ihnen eben auch der Prophet Ezechiel – gingen nun daran, zu deuten, was damals passiert war. Für Ezechiel war klar: Die Katastrophe kommt daher, dass die Leitung des Volkes versagt hat. Sie hat sich nicht um die Bedürfnisse des Volkes gekümmert sondern um die eigenen Bedürfnisse, hat nicht auf das gehört, was das Volk brauchte sondern auf die eigene Intution, die eigene Lust, den eigenen Bauch. Heute würde man vielleicht sagen: die Leitung hatte ihr politisches Gespür verloren. Und weil die Hirten sich nicht mehr um das Volk gekümmert hatten, ist ihnen das Volk genommen worden – teilweise aus ihrer Herrschaft heraus, indem es versklavt wurde, teilweise sogar aus der physischen Nähe, indem das Gros des Volkes zurückblieb und nur die Oberschicht nun in Babylon saß. Theologisch hat der Prophet das so gedeutet, dass Gott sich über das Verhalten der Führung geärgert hat. Darum hat er Zion, den heiligen Berg in Jerusalem, verlassen und Jerusalem seinen Feinden preisgegeben. Die konnten daraufhin einfallen. Die Niederlage und Verschleppung war eine Strafe Gottes für die Oberschicht.

Die Hoffnung für Ezechiel war, dass Gott sich der Herde wieder annehmen wird. Dass Gott die Dinge wieder zum Guten wenden wird, wenn die elenden Führer erstmal nicht mehr da wären. Dass Gottes Wege am Ende durch das Exil hindurch wieder in die Heimat führen würden – was ja tatsächlich Jahrzehnte später auch passieren sollte.

Während für den Propheten rückblickend die Sache damit erledigt sein dürfte, beginnt es für uns gerade erst. Denn seine Worte sind für uns ein Signal, sie gelten für uns heute vielleicht aktueller als sie seit Jahren gegolten haben. Denn das, was ihm widerfahren ist, widerfährt – ganz anders aber eben doch auch wieder ähnlich – uns gerade. Der Kirche. Hier in Köln, deutschlandweit.

Vor fünfzig Jahren waren fast alle Menschen in Deutschland Mitglied der Kirche. Sie wussten, wo ihre Kirche ist, wer die zuständigen Pastoren waren, rückblickend verklärt war die Welt damals noch relativ in Ordnung. In den letzten Jahren ist das erodiert. Immer mehr Menschen kehren den Pastoren – was übersetzt übrigens Hirte heißt – immer mehr Menschen kehren diesen Hirten den Rücken zu. Sie treten aus der Kirche aus oder sind es längst und lassen ihre Kinder nicht mehr taufen. Mit dem Tierschutzgesetz vesprochen: die einst zahmen Schäfchen werden zu Wildtieren, herrenlos, sie stromern so durch die Welt. Die Herde ist von den Hirten genommen worden.

Warum ist das so? Die gründe hierfür sind recht komplex, um es herunterzubrechen kann man sagen: die kirchliche Lebenswelt hat sich an vielen Punkten sehr weit von der Lebenswelt der Menschen entfernt. Die Kirche beschäftigt sich an vielen Punkten mit Fragen, die den Menschen schlicht irrelevant erscheinen. Die Hirten drehen sich um sich, sie weiden sich selbst, statt ihre Schafe. 

Es ist gar nicht so, dass die Schafe kein Bedürfnis danach haben, versorgt zu werden. Tatsächlich begegnen mir viele Menschen, die spirituelle Bedürfnisse und Interessen haben, die sie aber schlicht nicht in die Kirche einbringen können, weil die Lebenswelt hier so anders ist als alles, was sie draußen erleben. Viele interessieren sich nicht für unsere Art von Gottesdienst, für unsere Art von Musik, für unsere Ästhetik, sprich für unser kirchliches Leben. Und so haben wir jeden Monat im Presbyterium fünf Austritte zur Kenntnis zu nehmen, haben pro Jahr noch eine handvoll Trauungen, immer weniger Taufen, und viele der Kreisen und Gruppen werden kleiner und älter. Zuletzt haben wir ja den Gottesdienst im Andreae-Haus ausgesetzt, weil dort schlicht zu wenig Menschen kamen. Und wenn Sie in den letzten Tagen Zeitung gelesen haben, dann haben Sie die besorgniserregenden Berichte über die Kirchenstatistik bis zum Jahr 2060 gelesen. Auf die Hälfte werden wir schrumpfen. Und auch wenn ich nicht weiß, wie seriös man Aussagen für die nächsten vierzig Jahre treffen kann, ich zweifle keine Sekunde daran, dass es genau so kommen wird, wenn wir weitermachen wie bisher. Weil unsere Herde dann von uns genommen wird. 

Nun mögen Sie denken: Trifft uns als Mülheim ja nicht. Wir sind mit dem Neubau und dem Peter-Beier-Haus ja ganz gut aufgestellt. Wir kriegen Mieten, dann können wir die Dinge schon bezahlen. Das glaube ich nicht, weil die Kirche nach wie vor so funktionieren wird, dass die Mittel, die hereinkommen, munter verteilt werden. Nein, liebe Gemeinde, für die Kirche wird eine Zeit des Exils kommen, es wird hart und ungemütlich werden. Weil die Herde zerstreut wird – was wir heute schon sehen können und was sich rasant beschleunigen wird. Wenn wir nicht radikal umdenken.

Und so aktuell wie der Prophet im Blick auf die Herde ist, ist er es auch im Blick auf die Hirten. 

Siehe, ich will an die Hirten und will meine Herde von ihren Händen fordern; 

ich will ein Ende damit machen, dass sie Hirten sind, 

und sie sollen sich nicht mehr selbst weiden. 

Gott wird die Presbyterien nicht einfach gefangen setzen lassen. Er wird auch die Pfarrerinnen und Pfarrer nicht von der Kanzel fegen. Er geht da subtiler vor. Er lässt sie einfach aussterben. Schon jetzt kriegen Gemeinden ihre Pfarrstellen nicht besetzt. Die Landeskirchen werben sich gegenseitig die Pfarrpersonen ab, die es noch gibt, aber auf Dauer wird das nicht reichen. Und echte Wahlen, bei denen es mehr Kandidatinnen und Kandidaten für die Wahl gibt als freie Plätze, das gibt es in den wenigsten Gemeinden. Das System trocknet einfach aus. Weil wir uns selber geweidet haben. Weil wir uns mehr um Ausschüsse, um Verordnungen, um ein Weiterso kümmern als um die Belange der Menschen vor Ort. Weil wir unsere Räume füllen wollen, statt die Menschen zu versorgen. Ein Beispiel ist für mich immer die Frage: Wann werden die Gottesdienste denn mal wieder voller? Nie. Wenn wir die Gottesdienste nicht so machen, dass sie den Menschen vor Ort mehr entsprechen.  

Liebe Gemeinde, wenn wir so weitermachen, wird die Kirche vor die Wand fahren.

Wenn wir so weitermachen, werden bald noch viel weniger Schafe kommen.

Und wenn wir so weitermachen, dann werden noch weniger Menschen Lust haben, hier Hirten zu werden.

Wenn wir noch weitermachen, werden die bitteren Erfahrungen Ezechiels unsere Erfahrungen werden.

Nun fragen Sie vielleicht: „Warum erzählt er uns das? Ist das nicht eher ein Problem der Gemeindeleitung?“ Das ist es sicher. Aber es ist mir trotzdem wichtig, Sie in diesen Prozess mit hineinzunehmen.

Einerseits müssen Sie wissen, was hier in der Kirche passiert, denn Sie sind genauso Kirche wie ich es bin. Sie müssen wissen, wie sich diese Gemeinde entwickelt, um warum wir Dinge tun, die wir tun.

Darüber hinaus sind Sie viel näher dran an den Menschen. Sie selber haben Verwandte, Kinder, Freunde, Kinder von Freunden, von denen viele nichts mehr mit der Kirche am Hut haben. Fragen Sie sie, warum. Teilen Sie uns mit, was falsch läuft. Häufig kriege ich von Menschen aus der Kirche Antworten wie: „Die Jugendlichen interessieren sich nicht mehr“, oder „Die Konfirmanden müssen ja nicht mehr in den Gottesdienst gehen“ oder „früher liefen die Dinge in der Kirche besser“. Das sind nur teilweise zielführende Antworten, weil sie nicht von den Menschen heute ausgehen. Fragen Sie bitte die Menschen von heute und bringen Sie uns Ihre Antworten, nicht unsere innerkirchlichen Antworten.

Zwei Gründe habe ich genannt, warum ich hier heute mit dieser Botschaft stehe: Ihr Recht auf Information und die Bitte, sich umzuhören. Es gibt aber noch einen dritten Grund. Und der ist ein zutiefst geistlicher.

Der Prophet hat gesagt, Gott selbst will seine Herde weiden. Das tut er. Denn er hat uns einen Hirten geschickt. Der gute Hirte, Gott selbst, der Mensch geworden ist, Jesus Christus, er ist unser Hirte und er will uns weiden. Wir aber scheinen selbst verwildert zu sein. Wir scheinen ihn aus dem Blick genommen zu haben. Denn anders als der Prophet, der glaubte, dass Gott weggegangen ist, wird Jesus niemals weggehen. Er ist bei uns alle Tage. Aber wir haben uns abgewandt. Statt auf ihn, sein Vorbild, sein Wirken zu schauen, schauen wir auf uns, auf unsere Pläne, auf unser Ermessen. 

Er aber hat sich doch aufgemacht zu seiner Herde. Er ist hingegangen dahin, wo die Menschen sind und hat sie gefragt. Er hat sich um die Ausgestoßenen, die Geächteten, die Bedürftigen gekümmert. Wann ist uns das hier in Mülheim eigentlich aus dem Blick geraten? Wann haben wir als Gemeinde aufgehört, uns um die Menschen am Wiener Platz zu kümmern? Wann haben wir aufgehört, den Stadtteil in seiner gesamten Breite ernst zu nehmen? Wann sind uns all die einzeln wohnenden Menschen aus dem Blick geraten, die wir wie Jesus fragen könnten: Was braucht ihr?

Wenn wir Hirten sein wollen, dann haben wir das verlernt. Wir können es aber neu lernen. Indem wir bei diesem guten Hirten in die Lehre gehen. Bei diesem Hirten, der weiß, was die Menschen brauchen, der weiß, wie wir ihnen begegnen sollen. Wir sollten uns an Gott wenden, um zu hören, wie wir uns an die Menschen wenden sollen. Vom Hirten aller Hirten lernen, wie wir die Schafe hier in Mülheim versorgen. Übrigens meine ich sehr konkret Mülheim, weil jeder Hirte nur dann ein guter Hirte ist, wenn er sich um die Schafe vor Ort kümmert. Hier eine Herde aufzubauen. Das ist die Aufgabe.

Und an einigen Stellen haben wir ja schon begonnen: Wie Jesus, der sich zu den Menschen aufmachte, haben wir einen stärkeren Focus auf Mülheim gesetzt. Die Kunstarbeit der offenen Friedenskirche hat in letzter Zeit einen sehr bewussten und deutlichen Schwerpunkt auf Mülheim. Wir haben angefangen, mit Menschen hier aus dem Stadtteil zu gärtnern, und es kommen ganz neue Menschen dazu. Und wie Jesus haben wir angefangen, die Menschen mit ihrer Meinung zu hören, aufmerksam zuzuhören und dann zu handeln. Erinnern Sie sich an die Umfrage letztes Jahr? An die Ideensäule, die wir hier aufgebaut haben? Der Garten ist ein Ergebnis davon. Und im Moment arbeite ich am Konzept für einen neuen Gebetskreis. Es ist aber ein langsamer Prozess, in die Lehre zu gehen, und es wird dauern.

Für Sie bedeutet das, dass sich Dinge ändern werden. Heute können wir diese Veränderungen noch steuern. Aber wir müssen sie angehen.  

Dann wird er – um es mit dem Propheten zu sagen – das Verlorene wieder suchen
und das Verirrte zurückbringen und das Verwundete verbinden und das Schwache stärken und, was fett und stark ist, behüten; Und sie weiden, wie es recht ist. 

Amen

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