Was für ein Vertrauen‽ – Warum die Kirche das Paradies versichert hätte.

Wann hat die Kirche eigentlich das Urvertrauen verloren?

Also, wann ist dieses Urmisstrauen eingewandert?

Dieses Urmisstrauen, dass die Dinge nicht gelingen, den Zweifel am guten Ausgang, die Unsicherheit im Umgang mit nicht in unserer Hand liegenden Situationen?

Konkret: Warum erlebe ich es so oft, dass gerade in der Kirche bei wichtigen Entscheidungen die Bedenken überwiegen? Nicht die Hoffnung. Nicht der Mut. Die schweren Bedenken sind es, die so viele wichtige Entscheidungen aus der Leichtigkeit eines Aufbruchs hinunterziehen in die Tiefen der Freudlosigkeit und der Frustration. 

Es sind die kleinen Entscheidungen des Alltags, die von Fragen bestimmt werden wie: Wer soll das versichern? Was kann da nicht alles passieren? Den absoluten Todesstoß für kleine Aufbrüche versetzt aber die schlichte Aussage, dass es doch schon immer so und so war. Oder, noch sicherer, dass man da ja schon sehr viel erlebt habe.

Was sich hier im Kleinen zeigt, ist Un-Mut. Es ist Verzagtheit, Visionslosigkeit, es ist Verbitterung. Es ist das Gegenteil von dem, was die Bibel uns zuspricht. Es ist das Gegenteil von Vertrauen. Vielleicht ist all das ja ein alter Hut, vielleicht ist all das ja, was schon Adam und Eva mit sich herumgetragen haben, als sie das Vertrauen in Gott verloren.

Denn Gott vertraute den Menschen. Er überließ es ihnen, nicht zu essen von jenem Baum, der schlecht für sie ist. Sie vertrauten Gott nicht. Es kam der Sündenfall, der Umzug in die Paradieslosigkeit, wir kennen das. 

Unserer heutigen Kirche wäre sowas wohl nicht passiert. Weil kirchliche Gremien – wer soll denn das versichern, wenn da einer nascht? – einen Zaun um den Baum gebaut hätten. Und doch hat Gott genau das nicht getan. Weil Gott anders tickt. Gott ist das Risiko eingegangen. Weil er den Menschen vertraut hat. Es ist dieser Unterschied zwischen dem Vertrauen Gottes und dem Misstrauen der Menschen, den ich als Spannung immer wieder in der Kirche erlebe: Wir predigen die Auferstehung und haben Angst vor dem Sterben der Kirche. Wir predigen die Fürsorge Gottes und trauen dieser Fürsorge allenfalls bis zum nächsten Versicherungsvertreter. Wir predigen die Heilungen und suhlen uns in unserer Krankheit. Dabei hat Gott doch längst bewiesen, dass er es wieder gutmacht. Gottes Vertrauen ist nicht dauerhaft problematisch, weil Gott das nicht will – die Paradiesgeschichte ist doch längst getilgt. Er hat uns das doch selbst gezeigt, dass wir ihm auch dann vertrauen können, wenn die Dinge mal aus den Fugen geraten. Doch nein, wir setzen lieber auf uns selbst. Dass wir die Dinge kontrollieren. Mit Übervorsicht und Behütestsamkeit.

 „Was für ein Misstrauen“, das würde die breite kirchliche Wirklichkeit doch viel eher widerspiegeln als die Zuversicht der göttlichen Verheißung. „Was für ein Misstrauen!“ – auch kein schlechter Slogan. Die Betonung müsste freilich, damit es klingt, am Ende liegen, Misstraúen, so wie bei dem Wort Mistral, jenem frischen Wind, der Südeuropa durchpustet. Und genau so einen wünsche ich mir. Einen starken Wind, der all das wegbläst, was uns zweifeln, was uns stetig bleiben lässt. Oder noch besser: Doch gleich uns selbt. Ein Windstoß, der uns hinfort trägt wie an den großen Ballons auf den Kirchentagsplakaten. Der all die schweren Bedenken stehen lässt, uns Vertrauen abfordert und uns als Kirche an neue Orte bringt. 

Womöglich an all jene Orte, wo die Menschen sind, die nicht mehr in der Kirche sind. Sie sind nämlich schon lange gegangen. Große Teile der Bevölkerung sind nicht mehr da, wo wir heut stehen. Vielleicht haben diese Leute ganz am Anfang noch versucht, die Kirche mitzunehmen, mit dahin, wo das Leben spielt – aber sie war zu stabil. Steinern und festgemauert stand sie da und konnte sich nicht mit den Menschen bewegen. Nun sind die Gebäude leer und einsam und kalt und müssen renoviert werden. Aber brandsicher sind sie. Immerhin. Da könnte ja viel passieren sonst. In einer leeren Kirche. Aus Stein.

Was da im Kleinen sichtbar wird, wirkt lähmend und ermüdend – und das in weiten Teilen unsrer Kirchen. An so vielen Stellen überwiegt die Skepsis, das Unvertrauen in den guten Ausgang, in das Vermögen der Gesellschaft, der Gemeindeglieder und der Nichtmitglieder. Kirche muss doch Kirche bleiben. Und wie die ist, das wissen wir genau. Zumindest wissen das all jene klugen Menschen, die mir sonntags erzählen, was alles früher besser war. Dass man die jungen Leute kriegen müsste – ja. Sie sagen kriegen. Kit Krieg am Anfang. Einfangen. Wie ein Bauer, der hinter den Hühnern herrennt, um sie zu köpfen. Und viele Gemeinden hören drauf, stimmen froh mit ein ins Weiterso und sehnen sich nach der guten alten Zeit, in der sie alle sonntags frohn beisammen saßen und Wolf und Lamm sich weideten zugleich an jedem Sonntag um halb zehn in Deutschland. Und sie lassen sie antanzen, die Konfis. Diese stehen brav am Sonntag nach dem Gottesdienst beim Pfarrer an, um Unterschriften für den geleisteten Gottesdienst zu kriegen. Und wenn sie dann nach zwei Jahren ihren Gottesdienst abgeleistet haben, werden sie ehrenvoll entlassen in die stille Reserve der Kirche – so lange sie sich da wohl fühlen. Und wenn sie dann mal Geld verdienen und sich aus finanziellen Gründen verabschieden, dann haben sie ja ihren Dienst erfüllt und zum Glück nichts infrage gestellt. Denn Erwartungen an diese Kirche zu haben, haben viele von ihnen leider nie gelernt. Wir machen derweil wacker weiter. Den Blick der Zukunft zugewandt mit gesenkten Brauen voller Ingrimm vom Misstrauen getragen planen wir die kirchliche Wirtschaft weiter – müssen freilich den Talar enger schnallen, aber das sehen ja eh nicht mehr so viele. 

So wie sie ist, steht die Kirche da, wie das Kaninchen vor der Schlange, ach wie die cdu vor Pfarrersöhnchen Rezo: Ein guter Wille, der ist da. Damit die Jungen mal so werden wie wir, da muss man ja was tun. Die gute Mutter Kirche kümmert sich um ihre Jungen und versucht vergeblich, sie in ihre Form zu pressen. Dass sie vielleicht auch gut sein könnten, ganz genau so, wie sie sind, das ist schwer zu verstehen. Nein, für die Kirche müssen die da draußen passgenau und kirchlich sein, nicht mehr wild und unversfälscht, sondern nach unseren Sitten wohlzivilisiert. Denn wie die Jugend ist die stille Erwartung doch an all die andern auch: werdet endlich mal normal, so wie wir es in der Kirche sind. Dabei geht’s schlicht und einzig doch darum, einfach einmal wahrzunehmen, dass wir hier in der Kirche gesellschaftlich Exoten sind. Dass wir nicht sind wie all die Menschen, die außerhalb der Mauern stehen. Doch das gelingt nicht, weil das Veränderung bedeutet und zu viel Neues Angst verbreitet. Und weil nicht noch mehr sterben soll, als all das, was schon abgestorben ist. Was für ein Vertrauen! 

Was für ein Vertrauen in einen Gott, der seine Kirche nicht verlassen wird. Das hat er uns versprochen. Bei uns, alle Tage, ihr erinnert euch. Stattdessen zögern, zaudern, zweifeln wir. An unsrer Zukunft und – am allerschlimmsten – letztlich auch an ihm. 

Dabei darf Kirche doch auch anders können. Statt ängstlich drauf zu warten, dass unsere Art auszusterben droht, statt uns zurückzuziehen in Reservate aus Liturgie und Sahnetorte, könnten wir doch sehen, dass neues Leben in die Bude kommt. Voll Zuversicht darein, dass all die, die da draußen sind, vielleicht selber am besten wissen, was sie brauchen. All jene, die wir erfolgreich losgeworden sind. Statt uns vor Fragen und Unsicherheiten in Kirchenmauern zu verschanzen, wäre es doch ein Schritt, die Schilde abzulegen und offen zuzugehen auf die Menschen, die selber doch gar nichts Arges wollen. Warum sollen nicht sie die Kirche retten können? All die da draußen, außerhalb des Biotops? Warum nicht einfach mal loslassen, hingehen, sie machen lassen – vertrauen? „Was für ein Vertrauen?“ Mögen Sie jetzt fragen. „Was für ein Vertrauen sollen wir denn in die setzen, die uns so schamlos im Stich gelassen haben?“ Ja, so verdrehen wir es oft, dabei sind wir es, die der Herde nicht gefolgt sind. 

Ja, was für ein Vertrauen. Vielleicht genau das Vertrauen, das Gott in uns setzt. In all unsere Fehlbarkeiten. In uns, als seine Kreaturen. Denn die Menschen da draußen sind genauso Teil von seinem Plan wie wir es sind hier in der Kirche. Sie sitzen draußen vor dem Zaun, und wir haben sie aus dem Blick verloren. Wir sind es, die sie ziehen ließen, ohne ihnen nachzulaufen. Und so sitzen sie dort all die Menschen, im Taubenzüchterverein, in den Cafés des neuen Ruhrgebietes, in den Büros der Metropole Ruhr. Sie sind uns dabei gar nicht böse, nichtmal sehr verstimmt. Sie warten in der Welt da draußen, dass endlich wieder mal wer hinkommt und fragt und ihnen das Vertrauen schenkt, das sie von der Kirche so lange nicht bekamen. Und wenn es nicht die Kirche ist, dann werden sie wen anders finden – allein, ob die Antworten dann auch genügen? Weiß nicht, doch weiß ich ganz genau, wir werden es nicht rausfinden, es sei denn, wir geh’n hin und fragen. 

Und angenommen, mal ganz hypothetisch, wir ließen uns dann da drauf ein. Dann würden wir wohl recht schnell merken, dass Kirche auch ganz anders kann. Ganz heiter, leicht und unbeschwert. Dass Menschen, die da Räume mieten, nicht alle bloß Vandalen sind. Und dass es gut tut, da zu sein, wo all die andern Menschen leben. Dass Neuland gut aussieht und Früchte bringt. Und dass es vielleicht doch nicht alles sein muss, wie es immer war, um sich wirklich gut anzufühlen. 

„Was? Für ein Vertrauen soll es all das geben?“ Ja. Soll es. Denn Sein Vertrauen stand ganz am Anfang. Er hat uns vertrauensvoll geschaffen und Er traut darauf, dass wir bei all unserm kreatürlichen Tapsen in die richtige Richtung gehen – wenn wir erstmal beginnen, uns ein paar Millimeter zu bewegen. Er ist dabei, traut es uns zu. So hat er es gesagt. 

Was für ein Vertrauen!

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