Warum mir Dortmund gut getan hat und ich das auch mal sagen will.

Dieser Kirchentag hat mir gut getan.

Und wer öfter hier liest, weiß, dass mir so ein Satz nicht leicht über die Fingerkuppen geht.

Oft bin ich kritisch, was den Zustand der Kirche angeht, und auch wenn ich diese Kritik oft an vielen Erfahrungen von mir und anderen festmachen kann, fällt das Positive dann gern mal hinten runter. Gerade die Rückmeldungen auf meinen letzten Blogbeitrag haben mir gezeigt, dass es nicht allein darum gehen kann, über Probleme und Lösungsansätze nachzudenken – es muss auch das gesehen werden, was läuft, was besser wurde – und was vielleicht auch einfach schon lange gut ist. Weil so viele Menschen sich aufreiben und kämpfen und von der Sehnsucht nach einer zeitgemäßgen und relevanten Kirche getrieben werden und sie sich dann zurecht nicht wahrgenommen fühlen.

Dieser Kirchentag hat mir viel von diesem Positiven gezeigt.

Und ohne Anspruch auf Vollständigkeit möchte ich das Bild von einer Kirche zeichnen, die mir hier begegnet ist, die mir Hoffnung gibt und für die ich gerne arbeite:

Schlank und relevant
Mir kam es so vor, als wäre das Programm diesmal weniger prätentiös gewesen als beim letzten Mal. Kein Barack Obama, ein gesundes Maß hochkarätig besetzter Podien, relevante tagespolitische Themen kirchlich durchleuchtet, tiefe theologische Gedanken ohne Pomp. Vielleicht ist das nur eine gefühlte Wahrheit, aber ich fand den Kirchentag diesmal auch inhaltlich eher Dortmund als Berlin, bodenständiger, handgemachter, dabei aber ausgewogen und gut. Ich habe gelesen, dass das Absicht war. Und es hat funktioniert. Und ich glaube, dass das wahrgenommen wurde. Zumindest sprechen die Menschen über die Kirche und die Seenotrettung, über Kirchentage als politische Veranstaltungen und über das, was die Menschen in der Kirche so tun. Das habe ich in dieser Form nicht immer so wahrgenommen. Und das zeigt mir einen Weg.

Die Kraft des Analogen – History repeating
Einer meiner Programm-Höhepunkte war dabei die Wiederentdeckung des alten Erzählhandwerkes. Auch wenn ich selber als Kind durch die biblischen Geschichten in der Jugendarbeit geprägt wurde, die von den Leitern (ja, es waren nur Männer) plastisch erzählt wurden, auch wenn ich die großen Erzähler Jochem Westhof und Selma Scheele schon öfter persönlich erleben durfte, und das Erzählen somit sicher nicht neu für mich ist. Hier war es doch ein sehr persönliches und besonderes Erlebnis, meine Kinder den Geschichten im Erzählzelt im Zentrum Kinder folgen zu sehen. Sie hingen an den Lippen, hatten Spaß, waren gefesselt – und das zeigt mir, dass wir erzählen müssen und dürfen und können und sollen. Und wir haben viel zu erzählen. Mir zeigt das, dass wir mit alten Mitteln in die Zukunft gehen können. Allerdings nicht auf jedem Weg:

Eintauchen ins Digitale
Denn völlig analog kann es nicht mehr gehen. Die Veranstaltungen zur digitalen Kirche, der wunderbare Vortrag von Maria Hermann, aber auch die Parallel-Kirchentagswelt auf Twitter und Instagram, ja auch noch auf Facebook, das zeigt mir: die Kirche im 21. Jahrhundert kann crossmedial und sie sollte sich da nicht zu schade sein, sich aktiv ins binäre Vergnügen zu stürzen. Weil viel von dem da draußen da drinnen passiert. Und an vielen Stellen tut sie das schon sehr gut. Das gibt mir Hoffnung.

Kirche anders für andere
Der Werkstatttag #startupkirche. Er war toll. Nicht nur als jemand, der einen kleinen Beitrag beisteuern durfte, auch als Zuschauer, der Ideen und Relevanz entdecken durfte in wunderbaren Projekten aus Gotha, Globig und Berlin – die ganz unterschiedlichen Hipness-Faktor und ganz verschiedene theologische Ausrichtungen haben. Ich durfte spüren, dass großes Interesse an einem Aufbruch herrscht und dass sich viele Menschen in dieser Kirche nicht damit zufrieden geben, allein die klassischen kirchlichen Milieus zu bedienen. Und dass das alles noch an einem zentralen Ort und nicht in einer kleinen Ecke im Schatten des Fernsehturms stattgefunden hat wie vor zwei Jahren, das zeigt doch, dass sich diese Frage langsam richtung Zentrum bewegt. Diese Kirche bricht auf, das macht mir Mut und Lust und lässt mich gefühlt noch stärker in dieser Kirche verwurzelt sein.

Die erfreulich unpastoralen Pastorinnen
Und dann war da dieser Gottesdienst. Im Stadion. Ja, BVB, ich weiß und will als Gelsenkirchener an dieser Stelle nicht streiten. Es passiert ja auch viel Gutes dort in diesem Fußballtempel. An diesem Sonntag zum Beispiel. Krankheitsbedingt konnte ich den Abschlussgottesdienst nur vom Fernseher aus verfolgen. Und zwei Personen sind mir dabei so positiv ins Auge gesprungen, dass ich begeistert war. Ja, ich war begeistert von einem Fernsehgottesdienst. Hätte ich selber nie gedacht. Und das lag nicht allein an der Einspielung von 99 Luftballons (die ich allerdings auch durchaus erwähnenswert finde), das lag an zwei Frauen:  an Annette Kurschus, die so wunderbar (und ja, ich meine das im positivsten Sinne) unpastoral wirkte in ihrem Beten und Abendmahlseinsetzen und natürlich an der großartigen Sandra Bils. Ich habe sie ja schon oft erlebt – und dort auf dem Mittelpunkt in diesem Stadion da stand – sie. Sie hat so gesprochen, wie sie spricht, ohne mehr Pathos, ohne Allüren, ohne erlösten Blick, und das obwohl Millionen Menschen zugesehen haben und eine solche Situation doch eigentlich genau dazu einlädt. Sie hat im ZDF gepredigt, ohne zdf-ig zu wirken. Und das macht diese Predigt authentisch und lässt die Botschaft ankommen. Auch bei mir, der auf einmal Hoffnung gespürt hat. In dieser Predigt in diesem Gottesdienst. Und diese Hoffnung stellt sich dem entgegen, was mir immer wieder begegnet, wenn ich in Presbyterien, Pfarrkonventen, auf Synoden bin und die Menschen Angst haben vor dem, was kommt, die eben diese Hoffnung nicht sehen (darüber habe ich neulich schonmal geschrieben) – sie kann ich getrost an Pastor Sandy verweisen, die dort auf dem Mittelpunkt steht und sagt: Wir haben Jesus. Mir hat das geholfen, und ich gebe das weiter.

Irgendwas mit Medien
Und dann ist da noch die Vulva der Hanna J. Ob man nun einen Workshop zum Thema Vulven-Malen für angemessen oder für freakig, für befreiend oder beklemmend hält,das ist hier nicht Thema, auf jeden Fall haben sich aber die Medien darauf gestürzt. Und Hanna hat einfach nicht mitgemacht. Sie hat sich nicht zum Opfer machen lassen, nicht in die Freak-Ecke drängen lassen, nicht zum Objekt des sozialen Abwärtsvergleichs. Sie ist sehr bewusst hingegangen. Sie hat selbstbewusst da gestanden mit ihrem pinken Vulvawerk und hat ausführlich darüber gesprochen und gezeigt, dass es Menschen in dieser Kirche gibt, die den Medien auf Augenhöhe begegnen und sich nicht vor den Karren spannen lassen. Die zeigen, dass die Kirche nicht immer Opfer sein muss sondern den Spieß umdrehen kann. Genau so wirkt es nämlich wie sie dort in dem Bildartikel abgedruckt steht als könne sie nicht anders und über Hildegard von Bingen und Orgasmen und die Kirche spricht. Wie gesagt, es geht mir nicht um das Thema, mir geht es schlicht darum: Medien kann man können. Und Hanna kann das. Und das gibt mir Selbstbewusstsein. Für die Kirche, für meine Arbeit.

Und gleichzeitig sehe ich an all dem, was ich noch alles lernen kann. Von den Menschen, die diese Kirche voranbringen, die vorangehen und ihr Handwerk beherrschen. Die es einfach gut machen und voll Vertrauen und Zuversicht auf ihr Werk und Gottes Plan und seine Kirche ihre Arbeit verrichten. Mir hilft das.

Danke dafür.

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