„Wie ticken eigentlich Pioniere?“. Ein Erklärungsversuch.

Was für eine Frage, dachte ich, als ich die Anfrage bekam, einen Vortrag hierüber zu halten. Ja, wie ticken sie denn? Die Pionier*Innen im kirchlichen Bereich? Die Frage lädt zu Verallgemeinerungen ein, zu Klischees, zur Bevormundung, und darum möchte ich mich ihr sehr vorsichtig nähern und sagen: Ich habe inzwischen viele von ihnen kennengelernt, also von jenen Menschen, die sich aufmachen, um kirchliches und gesellschftliches Neuland zu betreten, die sich bemühen, neue Wege für kirchliche Arbeit auszuloten und dabei teilweise dicke Bretter bohren, Fehler machen, neu probieren und mich an vielen Stellen so sehr beeindruckt haben, dass ich selber zaghaft in diese Fußstapfen getreten bin und mich habe inspirieren lassen von ihrem inneren Antrieb.

Den folgenden Überlegungen liegt ein Vortrag beim großartigen Thementag zur #startupkirche zugrunde, den ich auf dem Kirchentag 2019 in Dortmund am 21. Juni gehalten habe. An jenem Tag, an dem die Bienen üblicherweise das Schwärmen einstellen.

Warum ich mit den Bienen beginne? Weil ihre Tendenz, ins Schwärmen zu geraten, mir mehr über Pioniere sagen kann als ich dachte, zumindest finde ich das Bild der Biene passend und schlüssig und vielleicht auch dienlich, den Entscheidungsträgern im kirchlichen Bereich deutlich zu machen, was Pioniere wollen, brauchen und können.

Die gemeine Honigbiene, apis mellifera, gliedert sich in drei verschiedene Sorten auf: Es gibt Drohnen. Diese bestehen zu überwiegenden Teilen aus Augen und Hoden und können nicht viel außer begatten und fressen. Üblicherweise werden sie irgendwann, wenn sie den ersten Dienst nicht erfüllt haben (weil sie dabei bereits gestorben wären), aufgrund ihrer zweiten Eigenschaft, dem Fressen, von den Damen der Bienenwelt umgebracht oder vertrieben, weil sie nur kosten und nichts einbringen – außer eben jenen, die sich auf begattene Art bereits selber aus ihrer aktiven Teilhabe an der Schöpfung gezogen haben. Die Drohnen sind für die folgende Überlegung nicht von Belang. Auch die zweite Art, die Königin, spielt nur eine untergeordnete Rolle. Sie kann nämlich nur Eier legen, und wenn sie diese Aufgabe nicht mehr zur Zufriedenheit ihrer Arbeiterinnen erfüllt, machen sich diese kurzerhand eine neue Königin und schicken die alte auf den Weg, den auch schon die Drohnen gegangen sind. Nein, für uns ist heute die Arbeiterin von zentralem Interesse.

Die Arbeiterin im Bienenreich will bauen.

Die Arbeiterin wird getrieben von einem einzigen zentralen Gedanken. Sie möchte bauen. Der Trieb, zu bauen, ist so stark, dass man einen Haufen Arbeiterinnen in einen leeren Eimer stecken kann, und binnen kürzester Zeit beginnen sie, kunstvolle Waben zu zimmern und so an einem unglaublich lebensfeindlichen Ort eine Lebensgrundlage zu schaffen. Das ist sinnlos, weil sie üblicherweise nicht lange in einem Eimer bleiben, es zeigt aber deutlich, dass dieser Trieb zu bauen alle vernünftigen Erwägungen überbietet. Der Trieb zu bauen ist das lenkende Element im Handeln der Biene. Bienenkundige mögen einwenden, dass doch wohl der Fortpflanzungstrieb höher anzusiedeln sei, ich glaube aber, dass diese beiden nicht voneinander zu trennen sind, zeitlich der Bautrieb aber vorgelagert ist. Eine Biene will bauen. Punkt.

Bauen braucht Platz.

Um zu bauen, braucht die Arbeiterin Platz. Sie sucht sich diesen Platz zunächst in dem ihr freundlicherweise vom Imker zugewiesenen Rahmen. Ist dieser jedoch ausgebaut, zögert sie nicht, auch drum herum und drunter und drüber zu bauen. Ist kein Raum zum Bauen vorhanden, dann kümmern sich Arbeiterinnen noch ein wenig um die Brut, aber bald kommen sie auf den Gedanken, dass sie sich neuen Bauplatz suchen müssen. Wer bauen will, braucht Raum. Entsprechend machen sich die Bienen, wenn es ihnen zu eng und ungemütlich in ihrem voll ausgebauten Stock ist, auf den Weg. Sie schnappen sich die Königin und reisen mit der Hälfte des Volkes los. Deswegen sieht man im Sommer, bis zum 21. Juni, der Sommersonnenwende, auch immer mal wieder Bienenschwärme an Bäumen und Häusern kleben. Der Aufbruch ist spektakulär! Die jungen und neuen Bienen bleiben da. Sie dürfen den alten Bau weiter nutzen. Die anderen schwärmen los. Mit ihrer Königin suchen sie sich neuen Baugrund und beginnen dort von vorn. Weil sie bauen wollen. Weil sie bauen müssen. Weil es ihnen zu eng war. Denn sonst gehen sie ein. Arbeiten sich tot, fallen irgendwann von der Wabe. So können sie noch einmal durchstarten, machen sich auf, folgen ihrem Bautrieb.

Baustoff

Bevor sie aufbrechen, schlagen sich die Bienen noch einmal den Magen voll. Sie essen, was sie können, so dass sie bei der Ankunft am neuen Bauplatz Startressourcen haben. Mit diesen Ressourcen kommen sie drei Tage über die Runden. Sie leben davon, bauen davon und machen das, was sie können – so lange sie können. Denn nach drei Tagen ist Ende mit den Vorräten und sie müssen neue holen. Das können sie natürlich direkt machen, aber je mehr Bienen sich aufmachen, desto weniger Bienen können bauen. Die kleinen Flieger haben tatsächlich ein ausgeklügeltes System der Arbeitsteilung – und dennoch: Will ein Imker, dass sein Bienen mehr bauen können, dann gibt er ihnen Zucker. Im wahrsten Sinne des Wortes, denn damit bauen sie. Und je mehr Zucker sie bekommen, desto weniger müssen sie sich selber kümmern – und je weniger sie sich selber kümmern müssen, desto effektiver können sie bauen. „Was für eine Freude“, denkt sie ich die Biene. Vielleicht. Sicher denkt das aber der Imker, denn er braucht die bauenden Bienen. Ohne Bau kein Honig, keine Brut, keine Bienen mehr.

Pioniere. Herz in der Hand, Biene im Kopf.

Und hier sind wir bei der Kirche. Also bei den Pionieren. Denn wenn man sich die Pionieren ganz genau anguckt, also so ganz, ganz genau, dann kann man in ihren Köpfen eine kleine Biene sehen. Zumindest finde ich die Vorstellung sehr passend, denn diese kleine Biene scheint den Aufbruchsfreund*Innen unaufhörlich ihre Philosophie einzuflüstern: „Ich will bauen.“, „ich brauche Platz“ und „ich brauche Baustoff.“ Die Pioniere können gegen dieses Einflüstern nichts tun, vielmehr bleibt ihnen nichts anderes übrig als auf diese Biene zu hören. Und das Gehörte wiederum übersetzen sie in ihre Sprache.

„Aufauf“

Pioniere wollen bauen. Eine zeitlang halten sie es in ihrer gewohnten kirchlichen Umgebung aus. Bald aber wird ihnen das zu eng. Weil ihnen bestimmte Menschen fehlen. Weil sie anders sind als die in ihrer Umgebung. Weil sie ein anderes Bild von den Dingen haben. Weil sie ausprobieren wollen. Johnny Baker hat das mal „the gift of not fitting in“ genannt. Und ich glaube, es ist dasselbe Gefühl, was die Biene antreibt. Es ist das Gefühl, einen Aufbruch wagen zu wollen, weil der gewohnte Bau nicht mehr den Raum bietet, der ein optimales Lebensklima bedeutet. Und weil letztlich ein Überlebenstrieb, ein geistlicher Fortpflanzungstrieb, dahintersteckt, der Pioniere dazu bringt, im „Aufauf“ zu denken. Gehen sie nicht, gehen sie ein. Frustration entsteht, Unzufriedenheit, Burnout – oder der Ausstieg aus dem bauenden Kirchenvolk. Viele haben so die Kirche schon verlassen, und es ist schade, anzusehen, was hier an Bautrieb verloren geht. Ein guter Imker würde dies nicht zulassen.

„Leider nein“.

Leider nein, das ist die Übersetzung des bienigen Bedürfnisses nach Platz. Das Nichtbleibenkönnen am Ort und somit das Platzbieten für das Bauen. Es scheint mir erforderlich, den Pionieren die Freiräume zu bieten, die sie brauchen. Den Pionieren, die „nein“ zum Bestehenden sagen (manchmal zugegebenermaßen in einer etwas kompromisslosen Art und Weise) muss man die Möglichkeit zum Ja bieten. Zu etwas, wo sie ihre Unzufriedenheit, ihren Bautrieb positiv ummünzen können. Dann nämlich kommt garantiert etwas dabei heraus. Weil es nicht anders geht. Weil gebaut werden muss. Von innen heraus, aus dem Herzen, aus dem Geist, aus den eigenen Gaben, die den Pionieren eingegeben sind. Die Räume, die die Biene baut, sind perfekt. Die Räume der Pioniere sind es nicht immer, aber auch sie folgen dem eingegeben Plan. Darauf zu vertrauen ist nicht immer einfach, gerade wenn neue Wege gegangen werden. Aber eben weil es tief drinnen sitzt, weil es nach außen dringt, weil es Form haben will, wird etwas Gutes dabei herauskommen. Und so bedarf es des Vertrauens und der Freiräume dazu, dass der Bau vielleicht anders aussieht als gedacht – aber das ist nicht schlimm, denn auf den Bautrieb ist Verlass. Wer Bienen im Kopf hat, wer das „Aufauf“ und das „Leidernein“ spürt, der wird der Kirche neuen Raum verschaffen. Irgendwie. Aber gewiss.

„[räusper]“

Pioniere kommen mit wenig aus, und sie können sich selber etwas besorgen. Irgendwann reicht das aber nicht mehr. Sicher, man kann ihnen sagen, dass sie auch weiter selber gucken sollen. Das verlangsamt aber das Bauen. Ein Imker gibt den Bienen Zucker. Eine Kirche, die aufbrechen möchte, sollte den Pionieren Baustoff geben. Und während die Bienen sich in der Form äußern, dass sie langsamer bauen, wenn sie nicht versorgt werden, werden sich Pioniere anders zur Sprache bringen. Durch ein „[räusper]“, durch das unangenehme Geräusch des Bittens und Bettelns. Das kostet Kraft. Und es kostet Zeit. Und es verlangsamt das Bauen. Der Aufbruch verliert an Fahrt. Darum ist es ratsam, die Pioniere mit dem auszustatten, was sie brauchen. Sie sind dabei komplexer gestrickt als die Honigbiene in ihrem Kopf. Denn nicht immer ist die Antwort Geld, und erst Recht nicht „Räume“. Die Pioniere kann man – im Gegensatz zur Biene – aber fragen. Sie geben Antwort.

/ˈaːɐ̯tɡərɛçt/

Die Bienen im Kirchenvolk sind wichtig. Denn ohne sie wird es der Kirche nicht gelingen, neues Land zu entdecken. Und das wird immer wichtiger, weil das Kirchenvolk in seiner Substanz schrumpft. Die entscheidende Frage ist, wie man diese Bienen artgerecht halten kann. Gelingt es, ihre Bedürfnisse ernst zu nehmen, sie nicht in artfremde Umgebungen zu stecken, ihren Bautrieb, ihr Aufauf, nicht unterdrücken zu wollen, gelingt es, sie mit dem Zucker zu versehen, den sie brauchen, dann bauen sie. Und sie bauen gut. Für die Kirche, für die Zukunft, für den Geist, der ihnen eingegeben ist. Gelingt es nicht, fallen sie tot von der Wabe, gehen ein, werden unglücklich, frustriert, fliegen davon. Und das wäre weder artgerecht noch wünschenswert.

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