/pre̱·digt/ ich bettler, ich heiler und nicht Gott / Apg. 3,1-10

Predigt am 8. September 2019 in der Evangelischen Kirchengemeinde Mülheim am Rhein

1 Ich kann das nicht

Wenn ich Petrus wäre, ich hätte das auch gemacht.
Also wenn ich so nah dran gewesen wäre an Jesus und seinen Wundern, ich hätte auch geheilt. 

Oder nicht? 

Ist das überhaupt so passiert? 

Die Frage stellen Sie sich vielleicht, und Sie sind sicher nicht die ersten, weil das mit den Heilungen so unwahr klingt, und weil es vielleicht ja einfach darum geht, darüber zu schreiben, was man vor Gott für möglich hält und wie viel mehr die Menschen damals noch zu tun vermochten, als sie noch ganz nah dran gewesen sind an Jesus.

Vielleicht ging es dem Autor dieser Zeilen, Lukas, dem Arzt, ja darum, einfach nur zu schreiben, was Glaube alles möglich macht. 
– Vielleicht ist es aber auch so, dass es tatsächlich so passierte.

Mir jedenfalls ist es noch nie passiert. Dass ich einen Gelähmten heile, meine ich. Dass ich hingegangen wäre und gesagt hätte: Komm, steht auf und geh.

2 Vielleicht

Die Antwort, ob es nun passiert ist, muss darum wohl sein:

Ein entschiedenes Vielleicht. Vielleicht ist es genau so passiert. Denn wenn ich glaube, dass ein Gott als Mensch auf diese Erde kommt, kann ich wohl auch glauben, dass er Wunder tut in dieser Welt. Und doch ist das wahrscheinlich für uns gar nicht die relevante Frage.

Denn ich möchte viel lieber wissen, was das, was Lukas da beschreibt, mit meinem Leben, meinem Alltag, ja mit mir, mit uns, mit Ihnen hier zu tun hat, was wir lernen können aus dieser kleinen Anekdote vom Gelähmten, der am Boden lag und plötzlich wieder gehen konnte.

3 Das kenne ich

 Ja und dann denke ich: Wenn ich hier eines kenne, dann nicht das Heilen, das Wiedergehendmachen.

Vielmehr bin ich doch manchmal selber gelähmt von allem, was so um mich rum passiert, und wenn ich dann ganz platt bin und mich machtlos fühle, bei allem, was der Stadtteil und so eine Gemeinde an Herausforderungen bietet.

Da komme ich selber an die Grenzen und fühle mich viel schneller wie dieser Mann, der bettelnd dort im Tor gesessen hat, wie ein Gelähmter, unfähig, mich noch zu rühren, fühl mich viel eher wie so einer am Boden als wie die starken, selbstbewussten Jünger, die einfach so spontan und aus dem Stegreif dieses lebenslange schwere, scheinbar unheilbare Gebrechen einfach so zur Seite wischen.

Und alle gehen los und loben Gott und applaudieren.
Und freuen sich.
Ach, wenn es doch so einfach wäre.
Nein, oft bin ich es, der gelähmt ist.

4 Sie auch?

Kennen Sie auch dieses Gefühl, gelähmt zu sein, ohnmächtig, schwach und hilflos, wenn zum Beispiel die Kinder nicht aufhören wollen zu schreien, wenn wir tun und ackern und uns mühen und am Ende kommt dann doch nicht raus, was wir da eigentlich erreichen wollen… oder wenn am Ende wieder einer einfach nur den Hörer auflegt und wir uns fragen, was ist das eigentlich passiert… jedenfalls diese Momente voller Ohnmacht und Hilflosigkeit, wo wir nicht wissen, wie es werden soll, wo wir doch selber dringend Hilfe brauchen, weil wir selbst schlicht nicht weiter können.

Was sind denn Ihre Momente des Gelähmtseins, der Ohnmacht, der Hilflosigkeit?

5 Auch wir brauchen Aufrichter.

Ja, wir brauchen manchmal selber jemanden, der uns aufhilft, aufrichtet, wieder aufrecht stehen lässt, der uns die Schwere nimmt und hilft, das Leben wieder lebbar zu gestalten, der Hoffnung spendet, der uns vielleicht genau wie den Gelähmten jubeln lässt. Dann sind wir nicht wie Petrus. Zumindest nicht wie Petrus hier im Text.

6 Jünger sein.

Und letztlich hat doch Petrus selbst auch so begonnen, als er vergeblich fischen war, frustriert nach arbeitsreicher Nacht ohne Lohn und ohne alles, pleite für den Tag dastehend.

Auch er lag damals schon am Boden, und dann kam dieser Jesus an und half ihm auf, schickte ihn wieder raus mit seinem Boot, und der fing Fische noch und nöcher, und so wurde sein Tag gerettet, ja es begann mit Jesu Hilfe.

Und erst dann wurde aus diesem Mann, der Jünger voller Kraft und Tat. Aus dem vor Frust gelähmten Petrus wurde einer, der selbst heilen konnte.

7  Durch Fehlbarkeit gut.

Wir müssen also nicht perfekt beginnen, um andre aufzurichten.
Müssen nicht unfehlbar sein, wir dürfen selbst am Boden liegen. 
Und merken, wie wir Hilfe finden, denn oft schickt Gott dann seine Engel, im Nachbarn, hier in der Gemeinde, im Stadtteil, was weiß ich denn wo.

Die helfend uns zur Seite stehen, die helfen, uns dann aufzurichten.

8  Richtet. Auf.

Und manchmal sind es eben wir, die helfend neben andern stehen,
und dann eben auch aufrichten dürfen
und Hände reichen, Wunden flicken, Seele trösten, Gutes tun.

Und dann sind wir genau die, die Petrusse, Johannesse, die Jünger eben, die Gelähmte heilen.

9 Ich?

Naja, so mögen Sie jetzt fragen,  kann ich denn wirklich Hilfe sein?
Ist das nicht viel zu viel gefordert, geht das nicht über meine Gaben?
Doch dann hilft wieder dieser Blick auf Petrus und auch auf Johannes.
Es sind nicht sie, die Gutes tun. Sie handeln hier in Jesu Namen.
Er ist es, er nimmt sie auf, in sein Handeln, in seinen Plan.

10 The beginning 

Und das ist, wo es für uns losgeht. Wir handeln mit und nicht statt ihm.
Jesus schickt uns zu den Menschen zu denen, die so um uns sind.
Er schenkt uns offene Ohren und Münder, und hilft uns, einfach da zu sein.
Denn wir sind anderen die Nächsten, sind Jünger und auch Jüngerinnen
Und dürfen heilen, und aufrichten und dürfen andern Gutes tun
Und dürfen dabei darauf trauen, dass er uns hilft, dass es gelingt.
Denn letztlich sind es doch nicht wir, die über diese Welt regieren,
denn das tut Er.
Und Er hilft uns, und steht uns bei.
Und macht uns so zu Teilen seines Gottesreichs.

11 Jaaaaa. Pathos. 

Na gut, das klingt jetzt leicht pathetisch.
Ich höre andern zu und richte dabei Gottes Reich mit auf. Aber am Ende ist es wirklich so. 
In den kleinen Schritten sind wir nah dran, so nah wie Petrus und Johannes, zumindest fast.

Nun, jedenfalls ist das unsere Berufung, uns gegenseitig aufzurichten, Jüngerin zu sein und Jünger und gleichzeitig wohl auch mal Gelähmte – mal so, mal so, nach Situation.

12  Kairos Augenhöhe

Und bevor ich hier zum Ende komme, möchte ich noch einen Blick mit ihnen werfen, einen Blick auf jenen Punkt, indem sich Gottes Handeln hier in dieser Welt ereignet.

Dieser Moment, wo Petrus jenem Bettler, tief in seine Augen blickt.

Da, wo er sagt: Komm, sieh mich an.

Er sieht dem Mann in seine Augen.

Denn das Reich Gottes ereignet sich an jenem Punkt, wo es nicht Herr und Diener gibt, sondern schlicht Menschen, die einander begegnen, einander helfen auf Augenhöhe, als Wesen Gottes, als Geschöpfe, die hier auf Seiner Erde leben.

Denn die Forderung von Petrus, ihn anzusehn, den Blick zu heben, das ist kein Machtbeweis – auch wenn der Bettler es anfangs so sieht. Nicht wie der Vater, der den Sohn auffordert: Sieh mich an, ich red mit dir. Der Bettler hat das so verstanden, er hofft sofort auf fette Beute und beugt sich willentlich dem Ruf. Doch Petrus will nicht dominieren, will nicht den Blick des andern lenken. Er will ihm einfach nur als Gleicher in die Augen sehen.

Und so entwickelt sich zwischen Jüngern und Gelähmten die wunderbare Augenhöhe, und dann hilft Gott und heilt den Mann.

13  Zum Ende

So einfach klingt es. Nehmt es mit:

Wenn Ihr also am Boden liegt, dann lasst euch gerne helfen, von Menschen, die Euch Gott geschickt hat.

Und wenn Ihr andere dann seht, die dringend eure Hilfe brauchen, vertraut darauf, dass vielleicht Gott, Euch auch geschickt hat. Zu den Menschen.

Behandelt sie auf Augenhöhe, seht sie an.

Und Gott wird zu euch treten und Heilung bringen.

So helft, wie euch geholfen wurde, als ihr selber mal Bettler wart.

Guckt Menschen an, auf Augenhöhe, und baut mit Ihnen Gottes Reich.

Und seid gewiss: Er ist dabei.
Und baut und heilt und richtet auf.

Amen

Werbeanzeigen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Bloggen auf WordPress.com.

Nach oben ↑