Wie mich die Badehaube meiner Oma straight nach Halle an der Saale führt

Meine Oma hat mir als ich klein war einmal eine Geschichte erzählt.
Von sich. Von früher.
Sie wollte eine Badehaube haben.
Eine schicke, keine praktische.
Sie war ja Teenager.
So ging sie los und kaufte sich eine
In leuchtendem Rot.
Und ich stelle mir vor, wie sie sie aufsetzte
Und ausprobierte,
wie sie sich vor den Spiegel stellte,
den Kopf nach links, nach rechts wendend,
noch einmal hinten draufgeschaut hat.
Und dann stolz mit ihrer neuen Badehaube nach Hause ging.
Ein modisches Stück, das sie sich da gekauft hatte.
Sicher wird sie sich ausgemalt haben,
wie sie sie das erste Mal im Schwimmbad würde tragen können.
In Berlin Kreuzberg, der Stadt der Mode –
Oder zumindest ihren Freundinnen zeigen.
So ging sie heim zu ihrem Vater
Und präsentierte ihm das neue Stück.
Und er muss es gesehen haben,
vielleicht hat er etwas gesagt wie:
Sehr schick, Brigittchen, steht Dir gut.

Doch dann fragte er diese Frage, wo sie sie denn gekauft habe.
Sie sagte ehrlich dort, in jenem Kaufhaus,
dessen Namen ich heute nicht kenne.
Und da wurde der strenge Vater ernst.
Sofort soll sie die Haube zurückbringen.
Denn als Christin kaufe man nicht bei Juden.
Meine Oma gehorchte,
doch ging ihr diese Geschichte nach 
bis ins hohe Alter, denn immer wieder hat sie sie erzählt.
In einem inneren Konflikt zwischen ihrem so verehrten Vater
Und einer Einstellung, die so viel Leid befördert hat.

Ich stehe heute hier
Als sein Urenkel, als Erbe einer Verantwortung,
ja einer Schuld, die mich verpflichtet, aufzustehen,
wannimmer jemand wieder so eine Unglaublichkeit verzapft.
Und diese Art Unglaublichkeiten begegnet mir auch heute.

Bevor ich jedoch darauf eingehe,
möchte ich kurz verweilen und mit Ihnen überlegen,
was denn genau die Unglaublichkeit in diesen Worten ist.
In diesen einfachen Worten, die so viel mehr in sich tragen,
dass man als Christin nicht bei Juden kauft.
Zunächst die ganz einfache Erkenntnis,
dass man keine Menschen schlechter als die anderen behandeln soll.
Das gebietet unser Grundgesetzt, das schlicht und einfach sagt:
alle Menschen sind gleich.
Gut, in dieser Form gab es das damals nicht,
aber die Bibel gab es schon.
Und das gebietet Gott, der mich genau wie meinen Nächsten
Von Meisterhand geschaffen hat. 
Und das gebietet Jesus, der mir aufträgt, meinen Nächsten zu lieben 
Wie mich selbst.
Und während diese Gründe noch allgemein auf Menschen zielen,
müssen wir auch drauf gucken, 
dass es hier um Juden geht.

Denn Israel, das ist nicht nur Augapfel Gottes,
wie es in der Bibel steht.
Es ist nicht nur Gott heilig, dieses Volk,
es ist zudem das Volk, aus dem wir selbst entspringen.
Denn Jesus selber war auch Jude.
Soll ich nicht bei dem Messias kaufen?

Vor zwei Wochen noch war ich mit einer Gruppe
In der Synagoge Roonstraße
Und war beeindruckt von der Lebendigkeit
Und Tiefe dieses gelebten Glaubens – einmal mehr.
Und von der Selbstverständlichkeit, mit der Esther,
ein Gemeindeglied dort, immer wieder davon sprach,
dass „wir“ seit zweitausend Jahren in Köln lebten,
dass „wir“ seit fünftausend Jahren ein Volk Gottes sind,
dass „wir“ eine Gemeinschaft sind, die sich durch Zeit und Geschichte zieht,
und auch wenn Juden das selbst anders sehen,
kann ich nicht umhin, mich als Teil davon zu sehen.
Denn der Weg, den Gott mit Israel begonnen hat,
wurde uns selbst auch geöffnet.
Wir sind mit hineingenommen worden
In Israels Verheißung.

So schreibt Paulus das in Römer 11:
Israel ist ein Baum, von Gott selbst gepflanzt,
Und allen Kindern Israels ist ewiglich das Heil verheißen.
Und Christus hat uns reingenommen in dieses Heil,
hat uns auf Israel wie auf nen Ölbaum aufgepfropft,
und Israel ernährt uns, speist uns, und wir sehen
mit Israel auf Gottes Heil.
Was Gott einst Israel verheißen hat,
das gilt für uns.
Und ohne Israel ist diese Verheißung
Nicht mehr tragfähig,
hieße das doch: Dem Baum den Stamm zu nehmen.
So ist Esthers Geschichte auch meine,
und Israels Heil auch meines,
und wir sind auf ewig verbunden miteinander.
Nicht bei Juden kaufen?

Und heute geht es weiter.
Ich erinner mich an jenen Mann,
der ernsthaft fragte, warum ich denn meinen ersten Sohn
mit zweitem Namen Levi nannte.
Das würde doch so jüdisch klingen.
Und die Juden wären – und das sagte er genauso 2012! –
Christusmörder.

Nein, es hat nicht aufgehört.
Es geht weiter. An so vielen Orten,
und es ist an uns, das aufzuspüren,
und Einspruch einzulegen.

Gegen solche unsäglichen Sachen,
die Unfrieden stiften und schließlich – wir sehen es in Halle – auch Gewalt.

Ein Freund von mir ist Rabbi, er heißt Tsvi.
Er lehrt in Berlin jüdisches Recht.
Und vor einigen Jahren
Hat er mich hier in Köln besucht.
Er hatte damals eine Augenkrankheit,
und ich musste ihm alles, was wir sahen, beschreiben.
So kamen wir an die Hohenzollern-Brücke,
und ich beschrieb ihm,
was dort auf einer Plakette in den Boden
eingelassen war:
Mai 1940 – 1000 Roma und Sinti.
Und es schwang auf einmal so viel mehr mit,
der gesamte Holocaust,
die Millionen Opfer,
und die Tausenden aus Köln.
Und Tsvi, ein heiterer Mann,
wurde ganz ernst,
nahm meinen Arm und ging mit mir dort über diese Brücke,
und wir bauten weiter an unserer Gegenwart
der Versöhnung.
Was geschehen ist, können wir nicht revidieren,
aber wir können heute Freunde sein
und gemeinsam über Brücken gehen,
und sehen, dass sie tragen.

Und schauen, was wir gemeinsam über diesen Gott lernen,
der Israel und uns als Christen
erwählt hat und begleitet.
Wir können selber Spuren der Versöhnung legen.
Wie neulich, als in Mülheim
Stolpersteine eingegossen wurden,
und ich auf einmal mit fünf mir völlig fremden Juden
freundschaftlich und so als wäre es normal
auf der Berliner Straße stand
und Kaffee trank und sprach
und wir uns einluden zu gegenseitigen Besuchen
In Köln und Tel Aviv.

Und wir können uns beistehen in der Not.
Und Not ist das, was da in Halle sichtbar wurde.
Fünfzig Menschen, friedlich zum Gebet versammelt,
Auf einmal in Todesangst dort eingeschlossen,
in diesem Raum, vor dem ein Neonazi
mit Sprengsätzen und selbst gebautem Sturmgewehr
auf sie schießt, die beten und Versöhnung feiern wollen.
Der verblendet ist von wüsten Theorien
Über Weltverschwörung und von blindem Hass.
Der sagt, er wolle Juden töten.

Es ist nicht nur die Menschlichkeit, die uns hier fordert, aufzustehen.
Es ist ein Angriff auf das Volk, dem mein Gott Schutz befohlen hat.
Es ist Gewalt gegen meinen Stamm, auf den ich einst aufgepfropft wurde,
Es ist ein Angriff gegen Esther, gegen Tsvi – und gegen mich.
Drum muss ich aufstehen, deutlich sagen:
Nein. Nein. Und nochmals nein.
Ich muss es angesichts von Halle tun,
Muss es aber auch im Angesicht all jener tun,
die mir im Alltag kleine Antisemitismen unterjubeln wollen –
denn kleine Antisemitismen gibt es nicht.

Und genauso gibt es keine Einzeltäter.
Ich muss hellhörig sein
Und sofort intervenieren,
wenn mir sowas zu Ohren dringt.
„Der Gysi, der ist ein typischer Jude“,
hat eine Seniorin mal gesagt,
und „politisch waren wir ja alle damals nicht“.
Aber auch heute, wenn „Jude“ wieder zum Schimpfwort zu werden droht,
Und wenn die Menschen kritiklos Positionen
Der AFD nachplappern im Bewusstsein,
dass das ja so schlimm gar nicht wäre.

Es ist zu uns, da sofort hineinzugehen und zu sagen:
Nein. Nein. Und nochmals nein.
Was du meinen Brüdern tust, tust du mir selbst.
So hat Jesus das einst gesagt.
Uns wehren, sehr klar und sehr direkt,
damit die Menschen merken,
dass das, was sie da plappern,
bei uns keine Mehrheit hat.

Ich möchte es aber an dieser Stelle
Nicht beim bloßen Appell belassen.
Ich möchte Ihnen auch etwas mitgeben,
das Kraft gibt, Mut, Entschlossenheit:

Ich denke immer an die Tür,
an diese kleine braune Holztür,
die den Schüssen standgehalten hat.
Sie trägt die Spuren, viele kleine Löcher,

aber sie hat wacker standgehalten
und so hölzern und stoisch Leben bewahrt.
Und trotz der zwei Todesopfer, die es gab,
komme ich nicht umhin,
im Standhalten dieser so schwach wirkenden Tür
ein Zeichen Gottes zu sehen.
Der sein Volk beschützt,
und sich an die Verheißung hält.

Und uns damit vielleicht auch zeigt,
dass wir auf seinen Schutz bauen können, 
wenn wir uns dem entgegenstellen,
was grad an unserer Gesellschaft nagt.
Er lässt uns nicht,
nicht Israel und auch nicht uns,
weil er es doch versprochen hat.

Amen

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