Ausgepatet? Bezeugungsunfähig? Unbeamtbar? Mein Dilemma im Umgang mit nichtkirchlichen Taufpaten

Letzte Woche hatten wir Pfarrkonvent. Das ist an sich immer eine recht beruhigende Sache: Es gibt Kaffee, Kuchen und ein Thema, meist plauscht man nett, sieht die Kolleginnen und Kollegen und bekommt das gute Gefühl, dass die kirchliche Welt irgendwie noch in Ordnung ist. Dazwischen wird ein wenig über die viele Arbeit lamentiert, und dem Landeskirchenamt wird eine ähnliche Aura angedichtet wie Rom aus Sicht des kleinen gallischen Dorfes. 

Natürlich werden auch Probleme angesprochen, und natürlich sind die Pfarrerinnen und Pfarrer nicht naiv, was die Situation angeht – selten aber werden Probleme so offen benannt wie vergangene Woche.

Wir trafen uns, um über die Taufe zu sprechen, und neben allerlei theologischen Überlegungen rückte ein Dilemma in den Blick, das ich für mich selber nicht gelöst bekomme, es ging um Taufpaten. Wie verfahren wir mit Menschen, die Taufpaten werden wollen, dabei aber nicht in der Kirche sind? Aus kirchenrechtlicher Sicht ist die Lage eindeutig: Wer nicht im Verein ist, kann auch kein Amt übernehmen. Aus zwischenmenschlicher Sicht wird das schon schwieriger. Oft wird eine Behelfskonstruktion gebaut: Wer nicht Mitglied ist, kann Taufzeuge werden. Die Person tritt genauso in Erscheinung wie die Paten, bekommt aber keine Urkunde und wird nicht im Kirchbuch erfasst. Hier gibt es verschiedene Varianten. Wieder andere verfahren so, dass sie diesen Menschen keine besondere Rolle zuweisen sondern darauf verweisen, dass alle Anwesenden Taufzeugen seien, mithin die Nichtpaten nicht sonderlich in Erscheinung treten. 

Ich finde alle diese Konstruktionen nachvollziehbar, schließlich bin auch ich in der Position, dass ich überlegen muss, wie ich mit Leuten umgehe, die den Verein, den ich vertrete, aus inhaltlichen Gründen ablehnen.

Dann kommen wir aber zu Kehrseite. Wie oft begegnen mir im Gemeindeleben Menschen, die von sich sagen, sie seien „gläubig aber nicht kirchlich“? Sie leben einen Glauben, sind aber mit dem System Kirche nicht einverstanden. Ist außerhalb der verfassten Kirche kein Heil möglich? Das wäre theologisch schwierig – für einen Protestanten. Können nicht auch „Paten“, die zwar am System, nicht aber am Glauben zweifeln, Verantwortung für einen Täufling in Glaubensfragen übernehmen? 

Für mich drückt sich darin ein Dilemma aus, denn ich nehme den Täufling mit der Taufe in die Gemeinschaft auf, die sich Evangelische Kirche nennt. Die Paten bezeugen aber nicht den Rechtsstatus, sie sind doch ursprünglich ein Leumund für die Verlässlichkeit des Täuflings, oder, heutzutage, Wegbegleiter in der Glaubensbeziehung. Darf ich das Menschen absprechen?

Für mich drückt sich in dieser Frage ein Zwiespalt zwischen Rechtsform und Glaubensgemeinschaft aus. Ich diene als Beamter der Kirche meiner Glaubensgemeinschaft, und würde ich uneingeschränkt verpaten, würde ich nicht nur das Kirchenrecht verletzen, sondern auch die Mitgliedschaft ad Absurdum führen. Gleichzeitig diene ich aber auch dem Auftrag Jesu Christi, zu taufen und Jünger*innen zu machen und Menschen zu lehren – und wenn ich Menschen davon ausschließe, ihnen eine besondere Rolle zuzusprechen, nehme ich dem Täufling vielleicht eine Möglichkeit, mehr über den Glauben zu erfahren. Weil Glaube für viele eben nicht an der Institution hängt, was biblisch ja auch gar nicht falsch ist. 

Ich nehme es vermehrt so wahr, dass die kirchlichen Ordnungen für die Menschen verstärkt in den Hintergrund treten. Wenn ein Pfarrer, eine Pfarrerin etwas nicht macht, sucht man sich eben wen anders. Und taufen, bestatten, ja sogar konfirmieren, das sollen bitte nicht die Geistlichen machen, die von Rechts wegen zuständig sind, weil es parochial so vorgegeben ist, sondern bitte die, die am authentischsten, am freundlichsten oder einfach am wenigsten kompliziert rüberkommen. Im Nett-Werk, einer Kölner Facebook-Nachbarschafts-Selbsthilfegruppe stand neulich der Aufruf, man möge doch bitte eine nette Pfarrperson nennen, bei der man sein Kind schön taufen lassen könne. Bei Hochzeiten ist eine solche Suchanfrage nahtlos eingereiht in die Suche nach einer guten Location oder einem empfehlenswerten Caterer. 

Mein Kirchenordnungs-Ich möchte da intervenieren und sagen: Das geht so nicht. Aber mein Seelsorgebewusstsein denkt: Was hindert es, wenn es der Beziehung hilft? Natürlich muss ich fragen, ob es um das Event an sich oder um etwas dahinter-Stehendes geht. Und doch erlebe ich es immer wieder, dass das nicht einfach zu trennen ist. Denn die Frage, welche Schritte ich im Glauben gehen werde, hängt auch an der Frage der positiven Begegnungen. 

In Zeiten dieses postparochialen Selbstverständnisses vieler Menschen mit spirituellen Bedürfnissen scheint es mir irrwitzig, allein auf die Kirchenordnung zu pochen. Umso schwieriger ist es, dass viele Pfarrerinnen und Pfarrer gerade die verlässliche Nachfrage nach Kasualien als Garant für das Nichtaussterben der Kirche sehen. Was, wenn die Menschen sich da anders entscheiden, als es für uns rechtlich geboten ist? Wenn sie zu freien Predigern gehen oder einfach in andere Gemeinden? Für das System Kirche ist das schwierig, aber ist es das auch für das System des Reiches Gottes?

So stehe ich vor diesem Dilemma und merke einmal mehr: Die Dinge werden komplizierter. Und wenn mir das schon so geht, wie soll das dann erst bei den Menschen sein, die von außen auf dieses System schauen?

So fühle ich mich als ein Diener zweier Herren, die an sich doch gar nicht getrennt zu sehen sein sollten: Kirche als Rechtssystem und Kirche als Leib Christi. Ich möchte das nicht trennen, die Menschen tun es aber. Und das sollte uns zu denken geben. 

Ein Kommentar zu „Ausgepatet? Bezeugungsunfähig? Unbeamtbar? Mein Dilemma im Umgang mit nichtkirchlichen Taufpaten

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  1. Ich kann das Paten-Dilemma gut verstehen. Pate sein ist heute und schon lange mehr eine familiäre Angelegenheit als eine religiöse. Ich bin in den 1970ern konfirmiert, meine Paten waren alle in der Kirche, sogar in der richtigen, aber ich hätte nie mit denen über Glaubensfragen gesprochen. Dafür habe ich mir immer andere Menschen gesucht. Der Grundgedanke des Patenamts ist richtig, Kirchenzugehörigkeit gehört dazu, aber praktisch läuft das, wie vieles andere auch, an der Realität vorbei.

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