Müde | Warum ich als Pfarrer gerade ratlos bin.

Normalerweise verteile ich hier Ideen.
Heute teile ich Ratlosigkeit.
Weil ich einfach nicht weiß, wie ich arbeiten soll.

Es ist nicht so, dass es nicht gute Ideen gibt. Landauf, landab sehe ich Tolles.
Und doch hinterfrage ich meine Rolle als Pfarrer in dieser Krise, weil ich merke, dass ich die Menschen meiner Gemeinde an vielen Orten eben nicht erreiche. Weil ich ihre Fragen nur sehr gedämpft hören kann – gerade die derer, die nicht digital unterwegs sein.

Weil ich Gemeinde doch so entwickeln will, dass Menschen in ihren Bedürfnissen wahrgenommen werden.
Mir helfen die angekündigten Lockerungen nicht weiter. Denn Gottesdienste mit einem Mindestabstand zwischen den Personen finde ich unbefriedigend, zumal Kinder sich an so etwas nur sehr schwer halten. Hier teile ich die Ansicht von Katharina Scholl in Zeitzeichen – das Dilemma setzt sich aber fort: Wie soll denn meine Familienarbeit weiter laufen, meine Gruppen und Kreise, der Chor, die Seniorenausflüge, die Gemeindefreizeit. All das ist meiner Meinung nach auf unbestimmte Zeit zur Disposition gestellt – und die Diskussion um eine geplante Lockerung der Beschränkungen schafft bei mir eher größere Unsicherheit als Zufriedenheit. Denn wenn alles verboten bleibt, bin ich gezwungen, neue Wege zu gehen. Wenn nicht klar ist, was wie lange und ob überhaupt erlaubt ist, kann ich nur Eventualitäten planen, und zudem werden die Stimmen lauter, die sich so stark nach einer Rückkehr zum Gewohnten sehnen. Ich verstehe dieses Sehnen. Ich halte es aber für eine absolute Illusion. Auf absehbare Zeit wird es nicht wieder so werden wie vorher, und je mehr wir versuchen, die gewohnten Formen an das Jetzt zu adaptierten, desto schaler wird das alles. Denn ein Familienfrühstück auf Abstand mit ständiger Angst, dass sich die Kinder zu nahe kommen, ist ebenso widersinnig wie ein Seniorentreff, bei dem die Veranstaltenden ständig Sorge haben müssen, dass Anwesende ihr Leben riskieren.

Sicher, Gottesdienste mit Mindestabstand sind besser als keine Gottesdienste, zumindest für diejenigen, die keine andere Möglichkeit haben, sich spirituell zu versorgen – aber ist es nicht gerade da an uns, diese neuen Möglichkeiten zu finden?

Ich würde gerne suchen. Aber ich bin so unglaublich müde. Müde davon, Kinder zu betreuen und gleichzeitig Gemeinde zu leiten. Müde davon, im Hintergrund Prozesse zu begleiten, deren Relevanz sich mir im Moment nur sehr bedingt erschließt, zum Beispiel die Besetzung von Ausschüssen, von denen noch gar nicht klar ist, wann sie wieder tagen werden – und mit welchem Ziel – mir ist vollkommen klar, dass Aufgaben erledigt werden müssen, aber die Kluft zwischen der Notwendigkeit dessen, was die Krise erfordert und der Notwendigkeit dessen, was die Institution erfordert, ist immens. Müde bin ich auch von der Unsicherheit, vom ständigen Verharren im Ausnahmezustand, vom der Unplanbarkeit, von den gegensätzlichen Versprechen der Politiker, die gerne wieder Fußball spielen lassen wollen und zugleich vor dem Besuch von Kitas warnen. Woher soll da die Energie kommen, die Kirche neu zu denken? Ich weiß das grad nicht. Und daher schreib ich hier. Und hoffe. Und bete.

9 Kommentare zu „Müde | Warum ich als Pfarrer gerade ratlos bin.

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  1. Vielleicht reicht es aus zu hoffen und zu beten?
    Sicher, ich sehne mich nach den Gottesdiensten, nach dem Bibelkreis, auch nach Plaudereien im Café.
    Aber es geht nicht. Es ist Stille. Rine Chance, neu auf Gott zu hören und auf mich.

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  2. Ehrlich gesagt hört sich mir das ganze eher nach einer Überlastung an und nach einer Sinnsuche. Sind all die Dinge die sie tun wirklich sinnvoll? Gibt es keine anderen Formen das zu leben? Sollten Sie die Zeit nicht dazu nutzen herunterzufahren und sich zu sammeln für neue Aufgaben?

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  3. Ich kann die Gedanken gut nachvollziehen. Aus dieser Zeit Gemeinde neu zu definieren halte ich für nicht wirklich möglich. Die Zeit allerdings für sich zu nutzen um zu einer neuen Gottesbegegnung zu kommen und aus der heraus ggf. neu zu arbeiten schon.

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  4. Vielen Dank für deine Gedanken zur Corona-Krise und den damit verbundenen Problemen in deiner Kirchengemeinde. Ich kann sie sehr gut nachvollziehen, da ich in einer ähnlichen Situation bin. Ähnlich, da ich Pastor in einer Freikirche und nicht in der Landeskirche bin. Ich habe leider auch keine Lösung und glaube auch, dass digitale Angebote keine persönlichen Beziehungen ersetzen können. Auch zu telefonieren oder Briefe zu schreiben sind nicht wirklich gute Alternativen. Mache mir auch Sorgen um meine Gemeinde – auf der anderen Seite merke ich zur Zeit, wie abhängig wir wirklich von unserem guten Gott und von seinem Heiligen Geist sind. Er gibt uns neue Frische und neue funktionierende Ideen. Das wünsche ich uns und unseren Gemeinden von Herzen, und dir persönlich Gottes reichen Segen…

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  5. Stille. Seit Wochen. Ich hielt (als Beraterin) den ShutDown zunächst für eine gute Idee – Bedenkzeit und neue Wege entwickeln, die sich bewähren können und vllt. auch nach der Kontaktsperre zusätzlich einsetzbar sind…
    Meine Kinder sind im Teeniealter, sie organisieren ihr Homeoffice vorwiegend selbst und ich hab – außer Kopfschmerzen am Abend nach einem Videochat nach dem anderen – und finanzieller Einbußen (wir spenden Geld für Laptops, um Familien skypefähig zu machen) kaum was auszustehen.
    Aber ich sehe auch, was die Entschleunigung des LockDowns für Schäden bei meinen Klienten verursacht und frage mich: Ist das noch verhältnismäßig? Was passiert hier überhaupt? Unterstütze ich eine Methode, die mehr schadet als nutzt?
    Ja, es gibt die fitten Leute, die vorher auch schon fit waren und sich auf die Digitalisierung einstellen. Aber ich beobachte auch zunehmend abgehängte Menschen, die ich in der Isaolation (oder Ausweich in Delinquenz) eben nicht mehr erreiche.

    Wir müssen uns die Frage der Verhältnismäßigkeit stellen. Und überlegen, ob wir mit den Methoden das Ziel erreichen oder mehr Schaden verursachen als nutzen.

    Was würde Jesus während Corona tun?

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  6. Danke Sebastian Baer-Henney! Du hast mir aus dem Herzen gesprochen. Ich bin Pastor der Stadtmission in Solingen und kann so vieles was Du schreibst extrem gut nachempfinden und teilen! Diese Zeit fordert auch uns Leute im geistlichen Dienst extrem heraus – ich wünsche uns viel Weisheit von unserem Herrn und Mut Dinge auszuhalten und eben keine Antworten zu wissen Ps 46,11

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  7. Mir geht es auch so, danke für das Formulieren!. Belastet, auch weil alles ständig fremd ist, was so alles zu tun ist als Pastor – und für die Kinder – zuhause verliere ich quasi das Zuhause. Dieses ständige im Nebel fahren ist anstrengend. Zugleich auch vielleicht gut so, eine erteilte Lehre: Es ist eine Plage, die irgendwas sagt, weiß bloß noch nicht was. Zumindest ist es undeutlicher als bei der Finanzkrise oder dem Klimawandel. Aber vielleicht sind es Gottes Hände, die gerade an unseren Seelen arbeiten? So lautlos? Das habe ich oft als mühsam, schmerzhaft und anstrengend empfunden. Vielleicht gibt es eine neue Einsicht? Wer weiß das schon?

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  8. Liebe Alle – vor allem die Pfarrerskolleg*innen!
    Meine aktive Dienstzeit endet Ende August – d.h. de facto mit Schulschluss Ende Juni.
    WIr hatten viel geplant und ganz viel vor für diese letzten Monate.
    Ich halte nichts von Belehrugnen – auch nichts davon, diese Zeit als Belehrung Gottes an uns zu sehn.
    Aber ich versuche draus zu lernen:
    Ja, es ist mühsam (letzte Woche hab ich für eine einzige Beerdigug 7 Telefonate geführt, jeweil ca. eine Stunde oder ein wenig mehr, weil die Verwandten alle nicht kommen durften).
    Ja, es ist mühsam (die Videokonferenzen scheitern weil einer zu spät einsteigt, ein anderer technische Probleme hat, die ein Stimme kreischt einem ins Ohr, die andere grundelt im Subbass dahin, die Disziplin ist zwar „eh recht ordentlich“ aber halt doch mangelhaft.)
    Ja, es ist mühsam, dem gerecht zu werden, was Menschen brauchen und gleichzeitig dem, was wir dürfen.
    Und da gibt es die, die Gesetze mit wieherndem Amtsschimmel der Pfarrerin ins Gesicht posaunen, und andere, die meinen, Kirche könne sich doch einfach drüber hinwegsetzen…

    Gefährlich halte ich alles, was jetzt gemacht wird, und wo es heißt:
    daraus müssen wir lernen
    das müssen wir über die Krise hinwegretten
    da sollten wir gleich für nachher die Beschlüsse fassen

    Finger weg von solchen Dingen!
    Vieles ist überarbeitungswürdig – ja
    vieles wollten wir ohneides schon längst angehn – ja
    vieles sollte aus dem hinterwäldlerischen Eck Kirche einmal herausgeholt werden – ja!
    Aber
    warum ist das ells noch nicht geschehn?
    Weil Gottes Mühlen langsam mahlen – so es Gottes Mühlen sind!
    Und weil wir mit den uns zur Verfügung stehenden Mühlen langsam mahlen.
    Überfordern wir unsere Mühlen nicht – und das sind vor allem unsere Ehrenamtlichen
    Überfordern wir unsere Strukturen nicht – die sind langsam gewachsen,
    und vieles ist nicht sooo schlecht, wie man uns einredet.
    Vor allem aber: überfordern wir uns selber nicht und schon gar nicht Regelungen, die wir später nur mühsam zurücknehmen können!

    Ich versuche draus zu lernen: wie macht man online-Gottesdienste; wie fühlen sich 9 Stunden Telefonseelsorge am Stück an, wer braucht was, auch wenn sie es nicht sagt – Mail hat sie keins – und er es nicht mal schreibt, wie denn auch, das war ja nie sein Medium. Wie lebe ich mit einer Gemeinde, die zwischen totaler Autoritätshörigkeit dem Staat gegenüber und anarchen Träumen schwebt…Ja, der Ausnahmezustand ist mühsam! Und mein Dienst hat sich total gewandelt in den Wochen. –
    Ja, ich lerne viel in den Tagen – das hätte ich alles bei den wunderschönen geplanten Dingen nicht gelernt. Und das macht täglich neugierig und durchaus fröhlich munter!
    Danke – !

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  9. Deine Müdigkeit und Ratlosigkeit kann ich nachvollziehen. Wir haben gerade diese Woche entschieden, die Probenarbeit im Posaunenchor vorerst bis zu dem Sommerferien weiter ruhen zu lassen, und das fühlt sich ähnlich an. Ich bin nur froh, so etwas nicht zum Beruf zu haben. Die Wirtschaftskrise schadet mir bisher nur materiell, aber nicht existenziell wie inzwischen vielen anderen.

    Was das Glaubensleben angeht, hat die Zwangspause im Gottesdienst- und Gemeindeleben bei mir zunächst eine sehr ernüchternde Bilanzierung ausgelöst. Jetzt aber dreht es sich gerade und zwischen den Trümmern wachsen Blumen.

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