Bitte lasst Euch das nicht nehmen / Was ich mir heut für meine Kirche in aller Heimlichkeit wünsche

Pfingsten. Geburtstag der Kirche. So hab ich das mal gelernt. Ehrlich gesagt, ist das ein etwas lahmer Geburtstag, mit diesen maskierten Gestalten, etwas steril, die Party, bei der man sich vorher die Hände desinfiziert. Immerhin auf der Gästeliste eingetragen. Aber mal ehrlich, Party ist anders. Und ernsthaft gesprochen: so richtig greift das neue Konzept bei uns in der Gemeinde noch nicht. Doch muss es das? Sicher: Es ist das beste, was wir tun können für die Menschen, die sich lange nach einem physischen Vor-Ort-Gottesdienst gesehnt haben. Und doch. Es reicht mir nicht.

Dabei gibt es sie doch, die Party. An vielen Orten ist viel Neues entstanden. Digitales. Sachen zum Mitnehmen. Kirche zum Selbermachen. Und heute an Pfingsten wage ich zu glauben: das ist erst der Anfang. Denn Pfingsten ist doch das Fest der Veränderung. Jesus war weg, aber er schickte wen. Den Geist, der in die Menschen brauste und sie dahin trug, wo dann die Kirche wuchs.

Was das für mich heute bedeutet? Für mich heißt das, dass ich mir wünsche, dass diese neuen ungestümen digitalen, analogen, ungewohnten, unerprobten, wundersam sprießenden Gestalten von Kirche ihre Kraft behalten, und dass die, die sie zu Tage brachten, sich ihre neu gewonnene Freiheit nicht wieder nehmen lassen von all jenen, die möglichst schnell die Kirche wieder ganz genau so haben wollen, wie sie sie schon seit Jahren kennen.

Nicht, dass das schlecht war, allermeistens nicht. Es passt nur einfach schwer in eine Zeit, in der wir weder singen, noch ohne Mundschutz, Abstand, nur keimfrei eingeschmiert Gemeinschaft pflegen können. In dieser Zeit, und wohl noch lange, ist diese Form nicht adäquat, zumindest nicht als dominante Strömung. Für Gottes sonntägliche Gäste bei mir in Mülheim oder sonstwo in den Kirchen, da ist das wunderbar. Doch sind es wenige, die sich in coronären Zeiten auf diese traditionellen Formen einzulassen wagen. Daher braucht meiner Meinung nach die Kirche in diesen Tagen und für die Zukunft stärker die Stimmen, die sich weiter denn je aus ihren Fenstern lehnen und wunderbare Neuigkeiten dort erproben, wo sich der Geist in wildem Flattern und ganz selbstverständlich niederlässt, wo Brennen die Herzen derer entfacht, die sich so lange schon schlicht danach sehnen, einfach mal zu machen, loszulegen, in digitalen oder sonstwie kirchlich bislang nicht so geläufigen Sprachen. Die die Menschen da erreichen, wo Kirchensprech bislang als einziges Idiom für sie schlicht nicht verständlich war. Sie sprechen twitter, facebook, instagram, sie sprechen auch ganz analoge Sprachen, sie sprechen in bunten Päckchen, in Whatsappandachten, in kleinen konzertanten Jazzgebeten, in balkonesken Wandergottesdiensten, hier sprechen sie auch rheinisch, lassen Glocken läuten, sie sprechen Predigten auf den AB. Sie sprechen nachbarschaftlich ganz vertraut, sie sprechen Spielplatzväter Muttersprache. Sie sprechen blank. Ach so viel mehr, so wunderbare neue Sprachen, so polyphon, quer durch alle Milieus.

Und darum ist für mich Pfingsten dieses Jahr, dass der Geist bitte wehen darf, dass sich die Wackeren, die so viel Neues auf die Beine stellten, den Einfluss, den sie damit kriegten, auch dann nicht wieder nehmen lassen, wenn es für viele in der Kirche geradezu verlockend scheint, wieder zurückzuschalten, und einzuschwenken auf gewohnte Pfade.

Ja, es ist die Chance von Pfingsten, darauf zu vertrauen, dass der, der uns in kirchenfremden Zeiten nicht verzagen ließ sondern die Chance bescherte, mit einem großen Satz nach vorn zu springen, und eine Kirche zu erproben, die fast schon 2020 ist, dass dieser Christgesandte Geist uns noch weiter Einfälle, Ideen, Aufbrüche und geistreiche Versuche wagen lässt. Und da, wo uns angesichts des schleppenden Aufbruchs auf Wegen traditioneller Kirchlichkeit der Mut verlassen mag, da wünsche ich mir, dass wir vertrauen in diesen Geist, der schon einmal aus dem Nichts ne Kirche schuf. Denn dieses Vertrauen lässt uns aushalten, wenn wir kaninchenhaft vor der Schlange sitzen, also vor der, die nicht da ist, weil eben keiner Schlange steht. Wenn wir also kaninchenhaft ins Leere starren und denken, wie soll das bloß werden, wenn wir da dem Geist, der uns beschenken will, zuerst was schenken, nämlich Vertrauen. Dem Geist vertrauen und auf die Aufbrüche, die wir die letzten Tage sahen, und denken, okay, vielleicht ist es ja das. Vielleicht ist das die Feuersprache des Geistes in der Kirche heutzutage, und vielleicht ist es einfach okay, wenn wir dies als Kirche 2020 sehen, die gerne und unbedingt auch noch einen traditionellen Flügel hat?

Was ich damit sagen will: Ihr Aufbrechenden, all Ihr Ermöglicher des Unerprobten, Sups, Kirchenleitende, vor allem aber Menschen vor Ort in den Gemeinden: lasst Euch den Einfluss all des Neuen und auch den Mut, zu wagen und laut auszusprechen, was sonst so schnell undenkbar war für viele, lasst Euch all das nicht wieder nehmen, nur weil ein Virus Stille schweigt. Ihr müsst es ihm nicht gleichtun, weil Ihr gutinnovativ und kraftvoll handelt und ermutigt, ja weil Ihr die Hoffnung unserer Kirche seid. Mein Wunsch zu Pfingsten: weiter so und mehr davon. Gott wird Euch tolle Wege zeigen. Und grad an Pfingsten bitte ich Euch, schlicht darauf zu trauen: der Geist macht Kirche. Immer wieder, immer weiter, immer neu. Lasst Euch doch einfach darauf ein. Und haltet Kurs. Das würde mir gefallen.

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