Corona gehabt zu haben. Dumpfheit auf Zehnquadrat.

Es fing an einem Montag an.
Ich war morgens kurz raus, kam zurück und kaum die Treppe hoch.
Ich war todmüde.

Meine Frau meinte, „mach einen Test!“ Ja, warum nicht. Hatte ich schon zigmal gemacht, auch oft, wenn ich mich schlecht fühlte. Für die Genesung half es da schon, zu wissen, dass es kein Corona ist. So auch diesmal. Nach 13 Minuten war ich erleichtert. Scherzhaft meinte ich zur Frau: „Gib Bescheid, wenn sich was ändert. Ich leg mich schonmal schlafen.“

Es änderte sich. Meine Frau kam rein und meinte, da wäre ein Strich. Also ein weiterer. Ich lachte herzlich, sah ihren ernsten Blick und nahm die Teskassette entgegen. Da war ein Strich. Aber ganz blass. Lieber noch einen Test machen. Selbes Resultat. Corona.

Wo ich mich angesteckt habe, kann ich natürlich nicht sicher sagen. Ich vermute aber bei einem Treffen, bei dem alle Teilnehmenden geimpft waren, bei dem wir uns an alle Regeln hielten, und bei dem hinterher zwei von 20 krank waren. Zehn Prozent. 

Es zahlte sich aus, dass wir in einer Dienstwohnung wohnen. Das ehemalige Wartezimmer vom Amt, heute unser Gästezimmer, hat eine kleine Gästetoilette – und diese beiden Räume sollten für 14 Tage meine Heimat werden. Nachdem der Arzt einen pcr-Test gemacht hatte, nachdem das Gesundheitsamt angerufen hatte, nachdem klar war, wie lange das alles dauern würde. Zehn Quadratmeter. Keine Menschen. Das war nicht schön.

Abgesehen vom Fieber, den Kopfschmerzen und der unglaublichen Erschöpfung war es ein unerträgliches Gefühl in derselben Wohnung wie meine Familie zu sein und nur mit ihnen telefonieren zu können. Wir haben uns Briefe geschrieben, die Jungs haben Bilder unter der Tür durchgeschoben. Ich habe Blumen und Päckchen und Karten und Süßigkeiten geschickt bekommen. Ich habe Netflix leergeguckt. Und wenn man im gesunden Kopf denkt, dass so eine Auszeit vielleicht mal ganz schön wäre – sie ist es nicht. Ich bin innerlich abgestumpft, als hätte mein Körper auf eine Art Notstrombetrieb geschaltet. Ich fühlte – und fühle mich noch immer – dumpf, emotional abgeschottet, seelisch isoliert. Und je besser es mir körperlich ging – nach einer Woche wurden die Symptome schwächer – desto schwieriger wurde es im Kopf. Ich konnte mich nicht konzentrieren. Nicht lesen, nicht schreiben. Depressive Gefühle kamen auf. Dagegen half nur das Berieseln. Einfach nur den Fernseher und Hörspiele laufen lassen. Und es wurde Abend und es wurde Morgen und es war wieder so ein Tag. Dreimal täglich stand das Essen vor der Tür, alle drei Tage ging ich duschen, wenn niemand im Haus war – mit Maske durchquerte ich meine eigene Wohnung. Ich habe mit Menschen telfoniert, die sich großartig kümmerten und herzlich erkundigten, aber nach kurzer Zeit wurde das immer zu viel. Es war ein Eingeschlossensein mit sich selbst in einer schwer durchdringbaren Hülle.

Und dann kam der Tag der Freiheit. Mein kleinster Sohn fremdelte mit mir, meine anderen beiden konnten wie ich ihr Glück kaum fassen, meine Frau genau so. Ich ließ mich freitesten und war bereit, das Leben zu umarmen. Doch kaum war ich einmal draußen, kam die Erschöpfung wieder. Dann wieder Fieber. Als müsste mein Körper die Isolation noch einmal ausschwitzen, ausbrüten, als müsste alles nochmal runterfahren, um dann neu zu starten. Diesmal ohne Isolation, in einem anderen Bett, mit meinen Jungs und meiner Frau, die sich kümmern. Ohne Corona aber immer noch krank, und ich hoffe, dass es bald vorbei ist.

Warum ich das schreibe? Weil ich trotz Impfung seit Jahren nicht so krank war. 
Weil auch ein leichter Verlauf absolut unerträglich ist.
Weil ich auch ohne Leichtfertigkeit krank geworden bin.
Weil ich Gott danke, dass ich geimpft bin und daher nur diesen „leichten Verlauf“ hatte. 
Weil ich Euch wünsche, dass Ihr aufeinander achtet. Abstand haltet, Risiken minimiert.
Weil Corona sogar für Geimpfte fies ist.
Legt es nicht drauf an.

2 Kommentare zu „Corona gehabt zu haben. Dumpfheit auf Zehnquadrat.

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  1. Lieber Sebastian, Danke für Deinen Erfahrungsbericht über Deine Corona Erkrankung.

    Es sind existenzielle Ausnahmezustände, in denen wir völlig auf uns selbst geworfen sind.

    Doch gerade da erfahren wir Berührung, Begegnung und Bewahrung.

    Vorausgesetzt wir sind dafür offen, lassen es zu und akzeptieren die Situation.

    Nicht immer leicht, bei aller Schwachheit und Hilflosigkeit.

    Jetzt wünsche ich Dir eine baldige Wiederherstellung Deiner Gesundheit und Deiner Kräfte.

    Auch Engel brauchen Zuspruch und Ermunterung.

    Liebe herzliche Grüße Burkhard

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  2. Danke fürs Teilen und bei allem Trüben, ist es doch ein Text, der bei mir unerwarteterweise Hoffnung aufkommen lässt. Weiterhin gute Genesung!

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