/pre̱·digt/ Meine Oma, Sedat und die Wohnung in Damaskus. | Phil 2,1-4

Ich habe die Bilder gesehen. Bilder von einer schönen Wohnung. Mit holzvertäfelten Wänden, mit großer Küche, mit Stuck an der Decke. Er hat sie mir gezeigt.

Ich habe die Bilder gesehen. Bilder an der Wand von der Wohnung auf den Bildern. Fotos von glücklichen Kindern und Eltern.

Es war seine Wohnung. Aber es waren nicht seine Kinder auf den Fotos.
Die Wohnung, die er mir gezeigt hat, gehört nun anderen.
Denn Sedat musste fliehen.
Musste übers Meer mit seiner Familie. Mit drei Kindern. Alles zurücklassen.

Und dann kamen die anderen. Ebenfalls geflohen aus anderen Teilen des Landes.
In die nun wieder etwas weniger unsichere Stadt, aus der er mit seiner Familie Monate zuvor geflohen war.
Ohne Besitz nahmen die Neuen das, was da war.
Nahmen seinen Besitz. Hängten ihre Bilder an seine Wand.

Und da musste ich an meine Oma denken.
Wie sie floh. Mit vier Kindern, mit meiner Mutter.
Zu Fuß. Von Tetschen an der Elbe nach Krefeld.
Und wie sie mir Jahre später die Bilder zeigte.
Von ihrem Haus.
Verschlossen.
Bewohnt von anderen Menschen mit Bildern an den Wänden, die mal ihre waren.

Die Bilder meiner Oma waren auf Papier entwickelte Fotos.
Wir saßen im Krefelder Esszimmer, als sie sie mir gezeigt hat.
Sedats Bilder waren auf dem Handy. Frisch geschickt aus Damaskus.
Wir saßen in meinem Wohnzimmer, als er sie mir gezeigt hat.

Eigentlich ist das schon der einzige wesentliche Unterschied.
Vom Gefühl her meine ich. Die Haptik von Papier und Display.
Der einzige Unterschied, denn es fühlt sich beides nach Unrecht an.
Man spürt die Gewalt, die Trauer, die Verzweiflung, die hinter all dem steckt.

Sedat ist mein Freund.
Er lebt mit seiner Familie in Köln, und wir haben uns damals kennen gelernt, als wirklich viele Geflüchtete kamen.
Ich mag das Wort „Flüchtling“ nicht. Es macht die Menschen klein.
Es sind Geflüchtete, die mehr auf sich genommen haben als ich es hoffentlich je muss. Es sind keine Asyltouristen, keine Wirtschaftsmigranten, es sind keine namenlosen Wesen. Auf meinem Sofa sitzt Sedat. So heißt er nicht wirklich, ich nenne ihn hier so.
Aber er hat einen Namen, und er sitzt auf meinem Sofa.

Und Sedat ist Klassenbester in Deutsch. Denn Sedat ist nicht dumm. Er ist kein Primitivling aus dem hintersten Winkel der Welt, wie es manchmal den Eindruck erweckt, wenn die Menschen über „Flüchtlinge“ sprechen.
Sedat ist Händler aus Damaskus.
Wir treffen uns einmal die Woche und üben Deutsch.

Das ist nicht einfach. Weil Deutsch lernen Arbeit macht.
Aber Sedat weiß um seine Chancen in Deutschland, und wie stark sie sich verbessern, wenn er Deutsch lernt. So steht er morgens auf und arbeitet eine Stunde, von fünf bis sechs, dann wachen die Kinder auf. Er arbeitet, bevor er seinen kleinen Sohn in den Kindergarten bringen muss. Dann geht er zum Sprachkurs. Nachmittags geht seine Frau, er hat dann die Kinder. Abends lernt er weiter. Er will Deutsch sprechen, denn er weiß, was das bedeutet.

Sedat ist knapp über vierzig. Kein gutes Alter, um eine komplett neue Sprache zu lernen. Seine Kinder haben es da leichter.

Sedats kleine Tochter ist so alt wie mein Sohn. Wenn sie sich sehen, spielen sie zusammen. Aber wenn mein Sohn sich über einen Hubschrauber am Himmel freut, verkriecht sie sich blitzschnell unterm Bett. Denn Hubschrauber bringen den Tod.
Es sind so kleine Dinge, die zeigen, dass eben nicht alles normal, alles einfach ist.

Und auch inhaltlich ist es manchmal schwierig. Sedat hat an vielen Stellen andere Wertvorstellungen als ich. Seine Frau arbeitet nicht, Homosexualität lehnt er ab. Er ist da nicht weit weg von der CSU-Sicht. Aber auch meine Oma hat ihren Beruf aufgegeben, als sie geheiratet hat.

Neulich, als wir Fußball geguckt haben, meinte er, dass er die Engländer nicht mag. Sie hätten ihm sein Land gestohlen, als sie Palästina den Juden geschenkt hätten. Das ist für mich eine kaum erträgliche Sicht. Aber Sedat ist Palästinenser. Staatenlos. Schon einmal vertrieben nach Syrien. Nun sitzt er hier und trägt all diese Erinnerungen mit sich.

Mein vertriebene Oma war mit einen Nazi verheiratet. Sie hat ihm „Mein Kampf“ zum Geburtstag geschenkt, und er wurde Richter in der dunkelsten Zeit. Vielen Deutschen hat es anderthalb Generationen abverlangt, diese Sicht zu verändern. Sedat und ich sprechen drüber, ich argumentiere. Aber habe ich das Recht, Sedat Vorhaltungen zu machen?

Ich habe nicht viele Rechte ihm gegenüber. Denn er ist kein „Flüchtling“, kein kleines hilfloses Wesen. Er ist ein geflüchteter Mann mit Familie und Vergangenheit. Ein Mann, der alles zurücklassen musste, und der Tränen in den Augen hat, wenn er mir die Bilder seiner Wohnung zeigt.

Nein, ihm gegenüber habe ich keine Rechte. Aber ich habe Pflichten. Ich habe die Pflicht, dem zu helfen, der in Not ist. Dem Geflüchteten. Wir haben es ja eben in der Lesung selber gehört. Ich habe diese Pflicht als Mensch, vor allem habe ich aber diese Pflicht als Christ. Denn wer da neben mir auf dem Sofa sitzt, das ist jemand, der in Not ist – nach wie vor.

Er ist in Not, weil er unter Druck gesetzt wird. Weil er in letzter Zeit immer wieder unaufgefordert kontrolliert wird. Er muss immer darauf gefasst sein, muss seine Papiere dabeihaben. Wird von den Menschen komisch angesehen, voller Angst und Skepsis. Nicht auf Augenhöhe. Behandelt wird er oft wie eine Ware, bei der das Haltbarkeitsdatum geprüft wird.

Neulich hat Sedat ein neues Wort aus der Schule mitgebracht, ein Wort, das ihm hilft, viele Dinge zu verstehen. Das neue Wort lautet „Rassismus“.

Liebe Gemeinde, ich habe die Pflicht, solchen Menschen zu helfen.
Als Mensch, als Christ – und neuerdings auch als Deutscher.
Weil nämlich auf einmal Deutsche aufstehen, die Sedat als Ware sehen.
Weil Minister aufstehen, die dafür plädieren, Geflüchtete in Lager zu stecken und ihnen die Rechtsmittel zu beschneiden.

Weil Minister aufstehen, die sich wie ein Kind an Weihnachten darüber freuen, dass Menschen abgeschoben werden. 69 am 69. Geburtstag. Horst Seehofer wusste da noch nicht, dass sich einer dieser 69 das Leben nehmen würde. Aber dieses hämische Grinsen angesichts der Sendung von 69 Menschen mit Namen und Vergangenheit in ein Kriegsgebiet, dieses zynische Lachen, das zeigt mir, dass da etwas falsch läuft. Es wird dann gesagt, die Abgeschobenen würden kriegen, was sie verdienen. Es wären ja Straftäter. Jedem das Seine. Das hatten wir schonmal. Mir ist es egal, ob sie Straftäter sind, denn auch Straftäter dürfen nicht in Lebensgefahr gesandt werden. Käme denn jemand hier in Deutschland auf die Idee, Verbrecher nicht mehr ärztlich zu behandeln, weil sie es verdient haben? Weil sie nicht hätten kriminell werden müssen? Hoffentlich nicht, aber wenn sich dieses Denken, das wir da erleben, weiter verbreitet, dann wird es irgendwann so weit sein.

Nun stehe ich hier auf der Kanzel, heute nicht als Deutscher.
Ich stehe hier als Christ, als jemand, der Ihnen die Bibel auslegen soll, der Ihnen erklären soll, was diese Schrift mit unserer Situation in unserem Leben in unserem Land in unserer Zeit, was diese Schrift mit uns zu tun hat.

Ich stehe hier als jemand, der Ihnen zeigen soll, was es mit diesem Kreuz auf sich hat, unter dem wir hier stehen.
Und gerade deswegen kann ich nicht anders, als das zu sagen, was ich gerade gesagt habe. Denn vor wenigen Monaten wurde ein verheerendes Signal gesetzt. In eben jenen Behörden, denen dieser Mensch vorsitzt, der Geflüchtete gleich einer Ware zurückverschiffen will, mit feistem Grinsen über ihr Schicksal lacht, in eben jenen Behörden, in seinen Behörden, soll fortan groß und deutlich ein Kreuz hängen.

Wieder dieses hämische Grinsen, das zu sagen scheint, dass wir Christen ja wissen, wohin mit „diesen Wilden“, mit den „Terroristen“, den „Schmarotzern“, die sie, so lautet der Subtext, doch allesamt sind.

Das Kreuz wird zum Trennzeichen zwischen ihnen und uns gemacht, zwischen Gut und Böse, zwischen „aufrechten Menschen“ und „kleinen wilden Flüchtlingen“. Und auf einmal sind es wir Christen, die abschieben, sind es wir Christen, die für solche Maßnahmen vereinnahmt werden, die Menschen in den Tod treiben, die Mauern hochziehen, die Grenzen dichtmachen.

Ich weiß nicht, ob Sie die Bilder gesehen haben. Von den Menschen an der Grenze zur Türkei. Assad und die Russen haben angefangen, die Schutzzonen in Syrien zu bombardieren. Die Gebiete, in die die meisten Menschen aus Syrien geflohen sind, werden nun in Brand gesetzt. Und all jene, die sich in Sicherheit wägten, fliehen an die Grenze, stehen dort dicht an dicht vor dem Stacheldraht, die Bomben im Rücken, und kommen nicht durch. Weil wir eine Abmachung mit Erdogan haben. Weil wir unser christliches Abendland verteidigen. Weil die doch eigentlich nur Urlaub machen wollen – was sonst impliziert der Begriff „Asyltourismus“? Sie stehen da, müssen sich auf Schleuser verlassen, die einzelne ohne mit der Wimper zu zucken erschießen lassen, die sie in Boote pferchen, die nicht tragfähig sind, die dafür noch das letzte Geld nehmen, jeder Geflüchtete ein kleines Vermögen – und 1400 ertrinken. Allein dieses Jahr schon. Und Rettungsboote dürfen nicht einlaufen, dürfen nicht retten, werden gezwungen, untätig zu sein.

Und jetzt, nach dieser Vorrede bin ich mitten drin im Predigttext von heute, mitten im zweiten Kapitel des Philipperbriefes (Phil 2,1-4).

Ist nun bei euch Ermahnung in Christus, ist Trost der Liebe, ist Gemeinschaft des Geistes, ist herzliche Liebe und Barmherzigkeit, so macht meine Freude dadurch vollkommen, dass ihr eines Sinnes seid, gleiche Liebe habt, einmütig und einträchtig seid. Tut nichts aus Eigennutz oder um eitler Ehre willen, sondern in Demut achte einer den andern höher als sich selbst, und ein jeder sehe nicht auf das Seine, sondern auch auf das, was dem andern dient.

Paulus schreibt an die Gemeinde in Philippi und mahnt, sich nicht zu zerstreiten.
Ich lese das heute aber nicht so sehr als Ermahnung in unsere Gemeinde hinein, denn ich finde die Stimmung, so weit ich das sehen kann, eigentlich ganz gut. Ich lese das als Ermahnung an uns als Christen, als Gemeinschaft der Christen in Deutschland. Voll der Liebe sollen wir sein, voller Gemeinschaft, voller Barmherzigkeit. Wir sollen die Menschen ehren und uns selber geringer achten. Demut. Nicht auf das Unsere sehen.

Und ich denke dann, wenn ich das lese, dass ich mit Menschen, die all das mit Füßen treten, nicht in Einigkeit leben kann. Menschen, die sich mit mir unter ein Kreuz stellen wollen und sagen, dass man doch zuerst auf sich achten muss, die Abschiebung in den Tod als ihr persönliches Geburtstagsgeschenk sehen, die Mauern hochziehen und andere im Elend sein lassen, mit diesen Menschen möchte ich, mit diesen Menschen kann ich keine Gemeinschaft haben. Ich möchte ihnen das Kreuz wegnehmen, möchte sagen: Hört ihr euch reden? Ich möchte ihnen sagen, dass sie sich selber aus dieser Gemeinschaft rauskatapultieren. Durch Verträge mit Erdogans. Durch Paktieren mit den Rechten in Europa, den Kurzens, den Orbans, den Salvinis.

Denn diese Aufforderung zur Liebe gilt nicht unter Vorbehalt.
Die Aufforderung von Paulus gilt uneingeschränkt.

Wir als Christen müssen uns kümmern. Wir müssen uns unter dem Kreuz versammeln und Gegensignale setzen. Und das wiederum bedeutet, dass wir uns als Christen schuldig machen, wenn wir das nicht tun. Wenn wir den Geflüchteten nicht helfen, wenn wir nicht aufstehen gegen die Mauern und Zäune.

Wir versündigen uns mit jedem Moment, in dem wir uns freuen, dass weniger Geflüchtete kommen.
Wir versündigen uns mit jedem Tag, an dem wir nicht losgehen und etwas unternehmen.
Wir versündigen uns mit jedem Moment des Wegschauens.

 

Ich bin dabei kein Romantiker. Kein linker Träumer. Ich bin nicht naiv.
Ich weiß, wie schwierig die Stimmung im Land ist. Ich weiß, wie mühsam es ist, mit Sedat über unser System hier zu diskutieren, über die Geschichte, über Israel, über Geschlechterrollen, über all das.
Ich weiß, was es für ein Aufwand ist, zu erklären, warum es „die Tür“ ist aber „das Mädchen“.
Ich weiß aber auch, wie schwierig es für mich ist, zu erklären, warum ihm in Deutschland an so vielen Stellen Rassismus begegnet.

 

Und ich weiß, dass es keine Alternative gibt.
Denn das Sterben ist keine Alternative, die ich verantworten möchte.
Das Ambodenhalten von Rettungsflugzeugen.
Das Nichteinlaufenlassen von Schiffen.
Das Ausweisen in nur scheinbar sichere Länder.
Das Verstärken von Meerestruppen, die die Menschen abfangen und aufs offene Meer zurückschicken sollen.
Das Mauernbauen, Stachelverdrahten, Zurückweisen.
Das ist alles keine Alternative.

Und dann über all dem das Kreuz. Sein Kreuz, das hier missbraucht wird.
Ich will das nicht mittragen.
Das weiß ich.
Ich weiß, dass ich mich der rechten Rhetorik nicht beugen möchte.
Ich weiß, dass ich das Wort Willkommenskultur nicht als Schimpfwort hören möchte, das Wort Nächstenliebe nicht als eine Parole vermeintlich linker Romantik, die Formulierung der „offenen Gesellschaft“ nicht als Bedrohung.

Denn ich weiß, dass es meine Pflicht ist, dass es unsere Pflicht ist, einheitlich dahinter zu stehen. Hinter einem Menschenbild, das allen die gleiche Würde zuspricht. Hinter einem Bild von einer christlichen Gemeinschaft, die mit Liebe auf alle anderen Menschen guckt. Die im Nächsten keinen Elendsballast sieht sondern einen Menschen mit Namen und Vergangenheit. Hiervon spricht Paulus, wenn er von einer christlichen Gemeinschaft spricht. Und er steht damit mitten in der christlich-jüdischen Tradition. In jener Tradition, die nun missbraucht wird.

Und ich weiß, dass ich etwas tun muss.
Dass ich mehr tun muss.
Ich sage das zu mir selbst, weil ich zu wenig tue.
Und wenn Sie auch der Meinung sind, dass Sie zu wenig tun, dann hören Sie es bitte auf dem Apell-Ohr. Hören Sie es als Aufforderung.
Und tun Sie auch was. Und wenn Sie schon was tun, dann tun Sie bitte noch mehr.

Nicht jeder kann wie unser Präses nach Malta reisen und die Flüchtlingsorganisationen wie Seawatch stärken.
Aber jeder kann Petitionen unterschreiben. Unterschreiben Sie Petitionen. 28.000 Christen haben sich einem Aufruf angeschlossen, die laut und deutlich sagt, dass wir als Christen da nicht mitmachen wollen.
Jeder kann spenden. Stärken Sie die Organisationen, die helfen. Spenden Sie für den Moment, wenn sie wieder loskönnen, um Menschen zu retten.
Jeder kann Demonstrieren. Gehen Sie auf Demonstrationen. Zeigen Sie Präsenz. Zeigen Sie, dass Sie den Rechten, den Hetzern, den Nazis die Stirn bieten wollen.
Jeder kann an sich arbeiten. Wenden Sie sich gegen Ihre eigenen Befürchtungen. Lassen Sie sich nicht von den Ängsten, vom Bösen überwinden, sondern überwinden Sie Ihre Ängste. Mit Gutem. Indem Sie sich einbringen. Geflüchtete treffen. Begegnung ermöglichen.
Werden Sie laut gegen die Gaulands, die Seehofers, die Menschenverächter.
Treten Sie ein für die Willkommenskultur. Immer wieder.
Schreiben Sie Kommentare, wenn Sie im Internet unterwegs sind.
Lernen Sie Menschen kennen, die geflohen sind. Und sprechen Sie drüber. Wie ich über Sedat.

Zeigen Sie, dass Sie als Christinnen und Christen genau diese Ideale leben, von denen Paulus schreibt: Gemeinschaft der Liebe, der Barmherzigkeit, der Freude.
Gemeinschaft in Demut vor einem Gott, der alle Menschen geschaffen hat, der Geflüchtete als wertvoll sieht.
Gemeinschaft, die nicht auf das Ihre achtet, sondern auf das Wohl der anderen. Auf das Reich Gottes.

Im Eintreten für die Schwachen. Da wird es ganz konkret, da wird es relevant und spürbar. Und wissen Sie, wer mich darauf stoßen musste? Wem ich diese Einsicht verdanke, dass es meine Aufgabe ist?

Sedat selbst.

Als wir neulich zusammensaßen und über unseren Glauben gesprochen haben, über seinen und meinen, da sah er mich auf einmal an und meinte: ich weiß, warum Du mir hilfst, weil du Christ bist. Mir war das nicht so klar. Aber letztlich stimmt es.

Weil wir Christen sind. Fangen wir an. Es ist unsere Pflicht.
Amen

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Macht gute (!) Werbung ‽

Manchmal bin ich erschüttert, wie altbacken einige Gemeinden werben.

Es sind schnell zusammengeschriebene Flyer in Neunzigerjahre-Schriftarten (Ja, ich spreche von Comic Sans. Aber es gibt auch andere). Das ganze wird dann poppig auf buntes Papier kopiert und schnell zusammengeschnitten. Wenn was fürs Herz dabei sein soll, dann geht noch ein Clipart.

Das ist okay. Es ist okay für all jene, die ohnehin schon kommen und Erinnerungsstützen brauchen. Es ist okay für all jene, die eine binnenkirchliche Optik gewöhnt sind. Es ist aber nicht okay, wenn man Menschen ansprechen will, die in einer Welt voller Werbung groß geworden sind. Auf dem Weg von zu Hause bis zur Kita und dann zur Arbeit begegnen mir geschätzt dreißig Flyer. Die meisten davon sehen gut aus. Die, die nicht gut aussehen, blendet mein Hirn von vornherein aus.

Das wäre bei den meisten Kirchenflyern der Fall. Auch Gemeindebriefe sind da oft nicht gut aufgestellt.

Ich glaube, die Gründe dafür sind vielfältig, und es begegnen mir bestimmte Argumente immer wieder. Die wären:

  1. „Wir wollen doch nicht zu kommerziell werden.“
    Das stimmt. Ich möchte den Menschen nichts verkaufen. Meine Broschüren und Flyer sollen nicht so aussehen wie von den Zeugen Jehovas. Vollfarbe und schön weichgezeichnet. Gleichzeitig muss ich aber sehen, dass ich den Menschen in ihren Sehgewohnheiten begegnen muss, am besten noch diese durchbrechen, um überhaupt wahrgenommen zu werden. Wenn die Menschen nicht wahrnehmen, was ich anbiete, dann kann ich es auch lassen – und dann werde ich erst recht keinen Unterschied mehr machen.
  2. „Das kann ich nicht.“
    Mag sein. Luther hat mal gesagt, dass wenn den Menschen die Lieder nicht passen, die Pfarrer doch einfach neue schreiben sollen. Für ihn war das leicht, denn er war musikalisch. Die anderen haben nur den Kopf geschüttelt. Wahrscheinlich ist das so, dass einige da eher ein Händchen für haben als andere. Es gibt aber Wege, dem zu begegnen: Für so mittel Begabte wie mich gibt es inzwischen sehr gute Apps und Werkzeuge, mit denen sich mit ein wenig Übung sehr ordentlich aussehende Flyer gestalten lassen. Ich benutze zum Beispiel das kostenlose Adobe Spark, oder noch einfacher, eine App für das iPhone, die Typorama heißt. Kostet ungefähr fünf Euro, bewirkt Wunder. So was Ähnliches gibt es auch für Android. Wenn man dann noch wen hat, der einmal eine anständige (nicht kirchliche) Fortbildung macht, dann kann man schon deutlich mehr reißen als bislang.
    Oder: Man beschäftigt einen Grafiker. Es ist erstaunlich, wie sich eine solche Investition auszahlt. Ein anständiges Corporate-Design zu entwerfen kostet einmal Geld, danach kann man aber mit überschaubarem Mitteleinsatz alles Mögliche gestalten lassen, vom Gemeindebrief bis zum Konzertplakat. Das ist bezahlbar, zahlt sich aber vor allem aus. Oder ein Grafiker entwirft eine Art Schablone, mit der man fortan Flyer selber machen kann. Ist auch noch in Ordnung. Wie bei allem gilt: Was ich nicht selber kann, muss ich ja auch nicht selber machen. Aber es wäre ein Fehler, es zu lassen. Auf Kirchenmusik verzichte ich ja auch nicht, nur weil ich es nicht kann.
  3. „Das ist zu teuer.“
    Es ist teurer als früher. Das stimmt. Nicht nur die Dienstleistung (s.o.) will bezahlt werden, sondern auch das Drucken. Aber es kostet nicht mehr die Welt. Vierfarbige Postkarten gibt es schon in beträchtlicher Anzahl für unter 20 Euro. Für Plakate lohnt es sich auch, einen Farbdrucker in der Gemeinde anzuschaffen, den kann man sogar leasen, das ist heute nicht mehr so teuer – der Mehrwert ist phänomenal. Nicht nur die Werbung wird besser, auch andere Arbeitsbereiche wie die Konfiarbeit profitieren ungemein davon. Auch hier ist es eine Investition, die sich auszahlt.
  4. „Die Umwelt!“
    Das Argument lasse ich gelten. Man muss nicht für alles und jeden Kleinkram Flyer drucken. Aber zielgerichtet ist es das trotzdem wert. Die fehlgedruckten selbstkopierten Clipartkatastrophen sind nicht unbedingt umweltfreundlicher, weil die Flyer bei viel weniger Aufwand viel mehr austragen. Als ich vor fünf Jahren in Köln die Chaoskirche gestartet habe, sind scharenweise Leute gekommen, weil das Plakat, von einem Grafiker gestaltet, für sie komplett mit ihrem überlieferten Bild von Kirche gebrochen hat. Es war nicht traurig, nicht schwarzweiß, nicht auf dünnem labbrigen Papier. Es sah gut aus. Und wir hatten gerade einmal sieben Stück gemacht. Das war es wert!
  5. „Digitalwerbung – brauch ich nicht.“
    Doch. Nur am Rande (später dazu mehr) soll noch gesagt werden, dass Plakaten und Flyern nicht mehr die Rolle von früher zukommt. Ich sage jetzt was Kontroverses: Whatsapp und Facebook sind gute Werbeträger für Gemeinden. Newsletter ebenfalls – wenn sie gut aussehen. Flyer können hier auch digital verarbeitet werden, der crossmediale Einsatz potenziert sich sogar.

Habt nicht so viel Angst vor dem Heute. Das wünsche ich. Und wer das hier liest, und denkt: Mein Kollege, meine Kollegin sollte das hier auch lesen. Aber wie soll er, wie soll die das finden, wenn es im Internet ist? Druckt es ihm, ihr aus. Auf schönem Papier. 160 Gramm. Für die Haptik. Und dann zeigt es ihr, ihm. Vielleicht bewegt sich ja was.

Unten seht Ihr ein paar Beispiele. Der Chaoskirchenflyer ist vom Profi. Das sieht man. Aber die anderen sind mit einfachen Mitteln recht schnell zusammengebaut.

 

Sehr professionell (und auch teilweise von Profis gestaltete) Gemeindebriefe finden sich zum Beispiel hier:
Kreuzkirche München
Evangelische Kirchengemeinde Prenzlauer Berg Nord
Und eine kompakte Version mit allen Terminen bietet diese Gemeinde.

Die katholische Kirchengemeinde in Köln Nippes bietet sogar eigene Medien zum Download an (ihr Logo und Visitenkarten für Mitarbeitende), um selber gute Flyer gestalten zu können.

Das alles ist Geschmackssache, ist klar  – aber anregend ist es so oder so.

PS: Die schlechten Beispiele habe ich mal weggelassen. Ich will niemanden an den Pranger stellen – und ich bin sicher, Ihr kennt sie alle.

 

 

Kinder Kirche entdecken lassen. Mit Rucksack und Kaffeeersatz.

Am Wochenende war ich mit meinen Söhnen im Museum. Das Rautenstrauch-Joest-Museum in Köln ist ein tolles Exemplar seiner Art, weil es hier nicht nur unglaublich viel zu entdecken gibt, sondern weil es auch wunderbar aufbereitet ist. Es gibt einen Raum zu Brautkleidern in aller Welt, einen zu Tod und Trauer, einen anderen zu Begrüßungsritualen und eine ganze begehbare Box zu Klischees und Vorurteilen. Es gibt Räume, in denen Schnüre von der Decke hängen und man sich fühlt wie in einem samtweichen Labyrinth, daneben eine tolle Architektur. Ich mag es sehr. Eine ganz neue Facette habe ich aber am Wochenende kennengelernt, mit meinen Söhnen. 

Für Kinder gibt es nämlich einen Entdeckerrucksack: In einem großen Rucksack sind viele kleine Boxen drin – schön aufgemacht. In jeder dieser Box gibt es ein Set von Dingen, mit denen man an einer bestimmten Station Aufgaben machen kann. So soll man im nachgebauten Arbeitszimmer vom Muesumsgründer versuchen, arabische Schriftzeichen zu entdecken, die auf einer kleinen Tafel aufgedruckt sind, an einer anderen Station soll man ein Mini-Tipi aus Stöcken und Tierhaut nachbauen, eine dritte beschäftigt sich mit dem Tod (ganz angstfrei mit einem Bilderbuch), an wieder einer anderen soll man einen kleinen Hinduschrein nachbauen mit Kerzen und Kokosnüssen und einer kleinen Figur Ganeshas.… es gibt unglaublich viel zu entdecken.

Mein älterer Sohn ist erst fünf. Manche Dinge sind noch zu hoch für ihn. Und doch hört er nicht mehr auf von dem Museum zu erzählen. Weil es sich ihm so ganz anders erschlossen hat. Ohne Schautafeln und Monologe.

Wie sehr wünsche ich mir, dass sich die Kirche meinen Kindern so erschließen würde. Nicht nur im Kindergottesdienst, sondern als Raum, als Ort des Entdeckens. Wie großartig wäre es, wenn es so einen Entdeckerrucksack für die Kirche gäbe, mit dem sie nach dem Gottesdienst verschiedene Stationen im Gebäude abklappern könnten (ja, der Rucksack hat geklappert)? 

Ich stelle mir eine Station vor mit kleinen Orgelpfeifen in einer Dose, in die man hinein pusten kann. Eine weitere, in der die Kinder einen kleinen Tisch decken können, einen Mini-Abendmahlstisch. An einer dritten Station können sie ein Kreuz bauen, an einer vierten sprechen sie über den Tod (ganz angstfrei mit einem Bilderbuch). Kinder könnten sich als Braut oder Bräutigam auf einen Hochzeitsstuhl setzen, sie könnten Gebetshaltungen ausprobieren, sie könnten, sie könnten, sie könnten. Und am Ende gibt es noch was Süßes, wie im Muesum – nicht als Belohnung dafür, dass es geschafft ist, sondern weil Süßigkeiten nach der Kirche dazugehören dürfen wie der Kaffee für die Erwachsenen. Eine kleine Gaumenfreude hinterher (nein, ich spreche hier nicht weiter über Kirchenkaffee, das habe ich schon oft genug gemacht). Vielleicht ist das auch nicht neu. Vielleicht gibt es das schon tausendmal in Deutschland – gesehen habe ich es aber noch nicht.

In Schweden gibt es sowas übrigens: Kirchenrallys, Kirchraumpädagogik vom Feinsten. Für Kinder. Hier ist das eher selten so – vor allem nicht so schön gemacht. Im Museum war es schön. Kein Pillepalle sondern hochwertig, witzig, gut durchdacht. Müssten wir doch auch können, oder?

 

Wogegen seid Ihr eigentlich — schert euch nicht um das Wider.

In einem Seminar an einer Uni wurden neulich die beymeister vorgestellt. Das ist ein kleines Projekt der Gemeinde Köln Mülheim, das Kirche von Menschen gestalten lässt, die mit Kirche eigentlich nichts zu tun haben. Alle nickten und fanden das schön und gut, aber am Ende kam dann die Frage des Dozenten: „Wogegen richtet Ihr Euch eigentlich?“

Ich war selber nicht dabei, aber ich arbeite bei den beymeistern und bin dieser Frage schon sehr oft begegnet. Mal als konkreter Frage, mal als suggerierte Aussage, und immer such gerne aus der Sicht eines Menschen, der sich angegriffen fühlt.

Und dann frage ich mich: ja, wogegen sind wir eigentlich? Müssen wir wogegen sein?

Gut, wir sind gegen das, gegen das fast alle sind: gegen eine Kirche ohne Menschen, gegen Belanglosigkeit, gegen Nazis, gegen dies und das.

Das aber macht uns doch nicht aus.

Was uns ausmacht, ist das Für. Für eine Kirche, die relevant für nichtkirchliche Menschen ist. Für eine Kirche, die sich von Menschen formen lässt, die ganz unkirchlich zu sein scheinen. Für eine Offenheit gegenüber neuen Ideen.

Natürlich lässt sich aus all dem eine Gegenposition ableiten. Aus jedem Für kann man ein Wider machen.

Das wollen wir aber nicht. Wir wollen uns auf das Für konzentrieren und alle, die anders denken, nicht überwinden, nicht zu Widersachern degradieren sondern zu Fürsprechern in anderer Mission.

Denn das ist doch der Kern des Protestantismus, dass es nicht einen Königsweg gibt sondern ganz verschiedene Zugänge. Dass wir gemeinsam auf der Suche nach dem Reich Gottes sind.

Am Wochenende habe ich über Paulus’ Auseinandersetzung mit der Zungenrede gepredigt (hier zum Nachlesen), einer tranceartigen Praxis des Kontaktes mit Gott. Paulus sagt, dass das für viele nichts ist, schlägt der Gemeinde ein erweitertes Modell vor, mit dem sich seiner Meinung nach zusätzliche Menschen erreichen lassen. Das gelingt ihm, ohne das Zungenreden zu diskreditieren — mir fehlt selber der Zugang zu dieser Praxis, aber ich wünsche mir in dieser Hinsicht doch einen wertfreieren Blick. Paulus lässt es einfach stehen und meint, dass es für die einen oder anderen gut sein kann. Weil es eben auch ein Gottesdienst ist. Wer für etwas ist, muss nicht automatisch gegen das andere sein. Und so wünsche ich mir das such in unserer Kirchenlandschaft. Kümmert euch selbst um Euer Für. Schert euch nicht um das Wider. Denn wer viel Für hat, der weiß, wo er, wo sie am Reich Gottes mitarbeitet. Wer nur immer wieder Wider zu bieten hat, der arbeitet nicht daran mit. Der schränkt das Wachstum ein, die unbefangene Freude, die Offenheit. Ganz abgesehen davon: sich mehr Gedanken zu machen, wofüf, woran, woraufhin man arbeitet, das führt dazu, das man zielgerichtet arbeitet — und das wünsche ich mir. Ziele, Richtung, Perspektive. In allen Spielarten.

 

/pre̱·digt/ Die Suppenkelle, das Siegel und die Gottsprechblockade / Eph 1,13-14

Liebe Gemeinde,

Diese Silberkelle habe ich von meiner Oma geerbt. Abgesehen davon, dass wir selten eine so große Menge an Suppe kochen, dass diese Kelle zum Einsatz kommen könnte, ist diese Kelle ziemlich schwer. Diese Kelle ist aus Silber. Das weiß ich deswegen, weil hier ein kleiner Stempel eingeprägt ist, der, wenn man etwas davon versteht, den Silbergehalt bestimmt. Würde ich diese Kelle verkaufen wollen, dann könnte ich damit wahrscheinlich schon ein wenig Geld machen. Wie viel, besagt der Stempel – es macht nämlich einen Unterschied, ob dort eine kleine 800, eine 925 oder nur eine 90 steht, ehrlich gesagt kann ich diesen Stempel hier gar nicht selber deuten. Wenn man das aber kann, gibt der Stempel den Wert an, und wenn man zum Beispiel 925er Sterling-Tafelsilber hat, dann ist das schon was wert. Mein Silber ist das leider nicht, aber wer solches Sterlingsilber hat, der weiß, dass er etwas Besonderes hat, und kann auch ein wenig stolz drauf sein.

Ich schiebe diese kleine nützliche Alltagskunde vor, weil sie uns einen Sachverhalt aus dem heutigen Predigttext erklärt. Es geht hier zwar konkret nicht um einen Stempel, sondern um ein Siegel, aber letztlich eben um etwas, das ebenfalls den Wert einer Sache bestimmt. Ein Brief, der ein königliches Siegel hat, der ist etwas sehr Besonderes, in früherer Zeiten konnte einem ein solcher Brief viel Ärger ersparen. Wer zum Beispiel in der Antike bei einer behördlichen Kontrolle einen Brief mit einem königlichen Siegel vorlegen konnte, der hatte Chancen, unbehelligt weiterreisen zu können. Siegel bestimmten, wie Silberstempel, den Wert. Unser heutiger Predigttext handelt, wie gesagt, von einem solchen Siegel, und ich möchte ihn zunächst einmal vorlesen. Er steht im ersten Kapitel des Briefes an die Epheser:

13 Auch ihr gehört jetzt zu Christus. Ihr habt die Botschaft der Wahrheit gehört, das Evangelium, das euch Rettung bringt. Und weil ihr diese Botschaft im Glauben angenommen habt, hat Gott euch – wie er es versprochen hat – durch Christus den Heiligen Geist gegeben. Damit hat er euch sein Siegel aufgedrückt, die Bestätigung dafür, dass auch ihr jetzt sein Eigentum seid. 14 Der Heilige Geist ist gewissermaßen eine Anzahlung, die Gott uns macht, der erste Teil unseres himmlischen Erbes; Gott verbürgt sich damit für die vollständige Erlösung derer, die sein Eigentum sind. Und auch das soll zum Ruhm seiner Macht und Herrlichkeit beitragen.

Wer zu Gott, wer zu Jesus gehört, der hat ein Siegel aufgedrückt. Wie die Kelle ihren Stempel hat, so haben wir ein Gütezeichen Gottes. Da steht nicht drauf: 925 und erst Recht nicht 90. Es steht drauf: Dieser Mensch gehört zur himmlischen Welt. Dieser Mensch gehört zu Christus. Wer das Siegel hat, für den gilt, was wir heute auch Luca zugesprochen haben: nichts kann diesen Menschen von Gott trennen.

Vielleicht fragen Sie sich jetzt: Wer hat denn alles dieses Siegel? Wer ist würdig genug? Wer hat die Ehre, zu Gott zu gehören?

Unser Text sagt: alle, die die Wahrheit gehört haben. Alle, die das Evangelium gehört haben. Alle, die wissen, dass sie von Gott angenommen sind. Alle, die darauf vertrauen, dass Jesus es gerichtet hat. Dass er seinen Geist geschickt hat, um uns und Gott zu verbinden.

Gut, mögen Sie einwenden: von Gott habe ich schonmal gehört. Ich habe auch schon gehört, dass Gott seinen Sohn geschickt hat. Ich habe außerdem schonmal vom Heiligen Geist gehört, und ich kenne sogar einige Geschichten aus der Bibel. Und nun?

Nun sage ich, das ist schonmal was. Aber das ist gar nicht das Entscheidende. Das Entscheidende ist, diese Botschaft nicht nur zu kennen, sondern sich auch auf sie zu verlassen. Schon schwieriger? Weiß ich gar nicht. Weil es nicht darum geht, ein Profi zu sein. Es geht nicht darum, die oder der perfekte Gläubige zu sein. Nein, es geht darum, an einzelnen Punkten gemerkt zu haben: Da ist was dran.

C., L.s Vater hat mir erzählt, dass er in seinem Beruf in der Arbeit der Notärzte manchmal schon Gott am Werk gesehen hat. Und ihr beide habt erzählt, dass Ihr darauf vertraut, dass Gott L. in seiner Entwicklung unterstützt. Und ich bin sicher, dass Sie auch solche Momente kennen. Momente, in denen Sie gedacht haben: Was für eine gute Fügung, dass das und das jetzt gerade passiert ist.

Am Donnerstag bei den Herbstzeitlosen hat mir das eine Dame geschildert, wie sie in ihrem Leben immer mal wieder an Grenzen gestoßen ist, besonders früher, in der schweren Zeit nach dem Krieg. Wie sie dann aber auch immer wieder gemerkt hat, dass Gott dann noch eingegriffen hat. Dass sich Dinge gut entwickelt haben, die überhaupt nicht gut aussahen.

Liebe Gemeinde, hier fängt das an. An so Punkten nimmt man im Glauben an, dass Gott sich kümmert. Dass Jesus die Leiden der Menschen kennt und daher weiß, was sie brauchen. So verstehe ich es, wenn unser Predigttext davon spricht, dass wir zu Christus gehören, weil wir den Geist haben. Weil wir den Geist haben, können wir Gott am Werk sehen. Weil wir den Geist haben, können wir darauf vertrauen, dass Gott seinen Engel schickt. Weil wir den Geist haben, brauchen uns die Beschwernisse des Alltags nicht wie ein Stein auf der Seele zu liegen. Letzte Woche habe ich ausführlich davon gesprochen, an dieser Stelle soll es genügen zu sagen: Weil wir den Geist haben, dürfen wir erkennen, dass Gott da ist. Immer wieder neu und an allen Stellen in unserem Leben.

Und das sagt das Siegel. Dieser Stempel Gottes sagt allem und jedem, was sich uns in den Weg stellt: Hier regiert Gott. Hier kannst Du keinen Schaden anrichten. Was für ein Gütesiegel, was für ein heilbringender Stempel, den wir da aufgedrückt haben.

Wissen Sie, was ich nicht verstehe? Wer versteckt so etwas? Wer würde zu einem Silberhändler gehen und den Silberstempel verstecken? Wer geht durchs Leben und versteckt, was ihn trägt? Früher gab es bei Monopoly eine „Ich komme aus dem Gefängnis frei“-Karte. Wer hinter Gittern landete, konnte diese Karte vorlegen und wurde umgehend auf freien Fuß gesetzt. Wenn es doch so ist, dass wir uns auf Gott verlassen können, wenn wir daran glauben, dass da ein Hirte ist, wer der aufpasst, dass da wer ist, der uns auch in schweren Zeiten trägt, warum verstecken wir das immer so? Warum spielen wir diese Karte nicht aus?

Ich habe überlegt, woran das liegen könnte, und bin auf drei Gründe gestoßen:

  1. Wir wollen nicht als Spinner gelten. Wir schämen uns. Wer offen über seinen Glauben redet, der hat ein Problem. Denn er hat einerseits sein Leben scheinbar nicht selber im Griff und muss sich auf eine höhere Macht verlassen. Er oder sie ist schwach. An Gott zu glauben, das ist ja augenscheinlich ein wenig was für Spinner. Für Menschen, die nicht in der Moderne angekommen sind. Ich finde das merkwürdig. Weil jeder Yogalehrer ganz selbstverständlich darüber redet, wie das Leben durch Yoga abgerundet wird. Weil Menschen Glücksbringer an ihren Ketten tragen, weil sie goldene Buddhas auf ihren Kamin stellen, die positives Karma verbreiten und weil sie sogar einer Krake zutrauen, WM-Ergebnisse vorherzusagen.
    Aber dass es einen Gott geben soll, der für all die Zufälle und guten Fügungen verantwortlich ist, das klingt verrückt. Weiß nicht. Andere zeigen doch so selbstverständlich und stolz, woran sie glauben. Jeder gläubige Moslem versteckt nicht, was ihm Kraft gibt. Ein Moslem betet fünfmal am Tag, im Moment halten viele den Ramadan, sogar Profi-Fußballer. Viele gläubige Juden hängen sich Mesusot in die Türrahmen, so dass jeder sofort erkennt: dies ist ein jüdisches Haus. Ich habe vor sowas großen Respekt, wie viele andere auch. Aber was machen wir? Wir verstecken uns als hätten wir Angst, dass jeden Moment wer einen Krankenwagen ruft, wenn wir über Gott sprechen. Wo wird unser Glaube bei uns sichtbar? Ich glaube, an zu wenigen Stellen. Nicht als Spinner zu gelten, ist der eine Grund. Vielleicht kommt unsere Zurückhaltung in Glaubensfragen aber auch aus einer etwas anderen Ecke:
  2. Vielleicht schämen wir uns nicht. Aber wir wollen nicht als Fundis gelten. Mit Gott kommen die, die an der Tür klingen und Bücher verkaufen wollen. Mit Gott kommen die, die die ganze Welt bekehren wollen. Und neuerdings kommt mit Gott, oder zumindest mit dem Kreuz Markus Söder um die Ecke. Über Gott reden die, die Schwule hassen und gegen den Zeitgeist predigen. Über Gott reden Menschen wie Donald Trump und Michael Pence. Da wollen wir nicht mit in einen Topf geworfen werden. Liebe Gemeinde, wissen Sie was? Ich will das auch nicht. Das bin ich nicht. Ich bin kein Fundamentalist, ich möchte nicht die ganze Welt bekehren. Aber ich möchte gerne davon erzählen, was mir Kraft gibt. Und ich möchte das machen, ohne direkt in diese Ecke gesteckt zu werden. Sollte es keine Möglichkeit geben, über den eigenen Glauben zu sprechen, ohne direkt ein Hardliner zu sein? Dann gucken Sie auf Michael Curry. Der hat am vergangenen Samstag in England bei der Königshochzeit gepredigt. Und die Menschen finden das großartig. Weil er frei und unverklausuliert von der Liebe Gottes gesprochen hat. Er ist der Gegenentwurf zu einem weltfremden und einengenden Glauben. Er hat sich nämlich diese Woche vor das Weiße Haus gestellt und mit vielen anderen Christen gegen die Politik der Regierung, gegen die Instrumentalisierung des Glaubens für erzkonservative Politik demonstriert. Reclaiming Jesus, heißt die Kampagne. Kein Mensch würde denken, dass so ein Mann ein Fundamentalist ist. Aber er steht zu seinem Glauben, das zollt den Menschen Respekt ab, so wie mir fastende Muslime und gläubige Juden Respekt abzollen.
  3. Oder ist es noch ein anderer Grund? Liegt es vielleicht eher im Inneren? Sind wir unsicher, was den Glauben angeht? Schwebt diese Frage bei Ihnen im Kopf: Glaube ich überhaupt richtig, glaube ich genug, um darüber sprechen zu dürfen? Ja. Ja, das tun Sie. Die größten Propheten in der Bibel haben sich selber als unfähig angesehen, über den Glauben zu sprechen. Und sie haben es trotzdem getan. Heute gelten sie als die Spezialisten schlechthin. Warum? Weil ihnen der Geist Gottes gegeben ist. Wie uns. Wenn Sie spüren, dass Gott am Werk ist, wenn Sie sehen, dass Gott Gutes tut, durch andere Menschen, bei Ihnen selber, dann sind Sie schon SpezialistIn. Und wie bei den Propheten verstärkt sich das mit der Zeit. Sie werden auskunftsfähig, was den eigenen Glauben angeht. Weil Sie nicht alleine sind. Weil Gott bei Ihnen ist und mit Ihnen spricht, dürfen Sie den Mut haben, das auch nach außen dringen zu lassen. Noch einmal: Es ist nicht Ihr Auftrag, die Menschen zu bekehren. Sowas ist allein Gottes Job. Es ist Ihr Auftrag, dem Geist den Raum zu geben, den er verdient. Sie haben eine Anzahlung erhalten, ein kleines Gespür dafür, was Gott alles tut. Schon durch den Wunsch, L. taufen zu lassen, schon durch die Sehnsucht, heute hier im Gottesdienst mit Gott in Verbindung zu treten. Sie werden noch viel mehr erhalten. „Gott verbürgt sich damit für die vollständige Erlösung“, er verspricht Ihnen, dass er Sie in Ihrem Glauben nicht allein lässt. „Und auch das soll zum Ruhm seiner Macht und Herrlichkeit beitragen.“
  4. Ich weiß nicht, ob es einer dieser Gründe ist, vielleicht ist es auch ein anderer. Was ich aber weiß:

Wo Sie von Gott reden, da wird er sichtbar. Nicht mehr und nicht weniger als das. Sie haben nicht den Auftrag, Leute zum Glauben zu überreden, Sie haben nicht den Auftrag, alles perfekt zu sagen. Ein „Ich weiß nicht“ ist oft eine ausreichende Antwort, weil Glauben auch immer Suchen bedeutet. Aber es ist eine Antwort, es ist der Beginn des Redens von Gott.

In unserer Kultur ist es nicht selbstverständlich, von Gott zu sprechen. Und ich finde es teilweise auch befremdlich, wie offensiv in Amerika und England von Gott gesprochen wird, weil es ja oft auch Floskeln sind. Aber es gibt etwas dazwischen, und dazu möchte ich Sie, liebe Gemeinde, heute einladen. Ich möchte Euch als L.s Eltern einladen, ich möchte Sie Ältere einladen, die Sie schon so viel mit Gott erlebt haben – teilweise ja weit dunklere Zeiten als wir sie heute haben – und die Jüngeren möchte ich ermutigen: Redet darüber, dass Ihr Gott im Leben etwas zutraut. Er wird Euch dabei nicht alleine lassen. Denn Gott hat Euch, wie er es versprochen hat, den Heiligen Geist gegeben. Vertraut ihm – und redet darüber. Erst vorsichtig, tastend, und dann selbstbewusster.

Die Menschen werden das gut finden, auch mal Menschen über Gott sprechen zu hören, die eben keine Fundis sind, Menschen, die nicht alles besser wissen, Menschen, die keine Spinner sind, Menschen, die sich nicht schämen. Menschen, die zu ihrem Glauben stehen.

Amen

Ist das Kirche? – was ein Flohmarkt mit kirchlichem Monokulturismus zu tun hat.

Was ist daran eigentlich Kirche?

Achtundzwanzig Grad kündigt die Wettervorhersage an. Und der Himmel gehorcht. Bei Kaiserwetter öffnet Mülheim seine Türen und Tore und fegt die Trottoirs. Stände schießen aus dem Boden. Die beymeister, unser Fresh-X-Projekt in Köln, hat dazu eingeladen. Und über sechzig Stände sind angemeldet, dazu kommen die, die spontan mitmachen. Der Garten des evangelischen Gemeindehauses macht auch mit, wimmelt von Menschen so wie der beymeister-Laden, überall begegnen Leute mit den Stadtplänen, auf denen die Stände eingezeichnet sind. Mülheim ist in Festtagsstimmung an diesem Sonntag, und es hat sich schön gemacht. Luftballons weisen auf die Hinterhofstände hin, hier und dort weisen Kreidepfeile den Weg. „Trödel Dich glücklich“, hat wer auf den Boden geschrieben. „Das ist von der Kirche?“ Ja. Es ist. Der Hofflohmarkt hat hunderte, vielleicht tausende Besucher durch Mülheim flanieren lassen. Menschen schieben Kinderwagen mit Skateboards drauf durch die Gegend, Kinderaugen leuchten, Erwachsene trinken Kaffee und Sekt zu Kuchen und Waffeln. Es fühlt sich gut an, weil hier all die Liebe und Mühe sichtbar wird, die die Mülheimer in die Begegnung mit anderen investieren. Danke, Mülheim, fürs Mitmachen!

Wenn ich Kolleginnen und Kollegen von Aktionen wie dem Flohmarktstand vorschwärme, sind sie erst begeistert. Immer wieder begegnet mir dann aber schnell diese Frage, die Frage, was denn an so etwas Kirche sei. 

Ich glaube, diese Frage ist so falsch wie richtig. Das sind wertende Kategorien, ich weiß. Aber die Frage ist genauso wertend, selten getragen von wirklichem Interesse, sondern eher von Unverständnis, manchmal auch Ablehnung, vielleicht sogar ein wenig Neid. „Was soll denn daran bitte Kirche sein?“ 

Richtig an der Frage ist, dass das, was wir machen anders aussieht als das, was die Menschen gemeinhin unter Kirche verstehen. Wir haben kein Gebäude mit Turm, wir haben andere Zeiten. Und wir sind weniger anders als die Menschen das von Kirche gewohnt sind. Wir sind nicht anders genug, um für die Leute Kirche zu sein, wie sie sie kennen und als unanwendbar für ihr Leben empfinden. Wir sind nicht anders genug, um von den Menschen als für ihre Biographie irrelevant wahrgenommen zu werden. Wir sind ihnen weniger fremd. Wir sind anschlussfähig, weil wir anschließen, wo so viele klassische Formen Menschen ausschließen. Sie wollen das nicht, ausschließen, wer will das schon, aber es passiert unfreiwillig, weil man natürlich nicht alle ansprechen kann. Und so sind wir eine Form von Kirche für Menschen, die mit kirchlichen Formen nicht umgehen wollen. So schaffen wir es, die Menschen in ihrem Leben zu begleiten, uns in ihrem Leben mitnehmen zu lassen und so mit ihnen gemeinsam ein Stück des Weges zu gehen. Im selben Maße, wie wir für die Menschen zum Ansprechpartner werden, werden wir dabei für die Menschen in der Kirche fremd, irgendwie beargwöhnt und mit der Frage konfrontiert, was denn daran bitte Kirche sei. Und so schließen wir natürlich auch Menschen aus – wer tut das nicht? Unfreiwillig, weil man so ist wie man ist.

Dabei entsteht entsteht aber zwischen und um und über all den kritischen Stimmen eine weitere Facette des Reiches Gottes, eine weitere Spielart in der Symphonie des Höchsten, eine Spielart für Menschen mit anderem Gehör und einem anderen Gefühl für Harmonie. Dissonant wirkt das in unserem kirchlichen Hörgewohnheiten, aber was dort entsteht ist Musik wie das klassisch Kirchliche auch Musik ist. Nur eben anders. 

Und damit bin ich wieder beim Flohmarkt. Während einer staunt, dass das Viertel auf einmal „nicht trist sondern bunt und lebensfroh wirkt“, während etliche sagen, dass es nicht um die Flohmarkteinnahmen sondern um das spürbar werdende Miteinander geht, während Menschen sich in und um ihre Häuser zum Kennenlernen und Mittagessen treffen, denke ich an Zachäus, der Fremde zu Mittag beherbergt und so Jesus kennen lernt, denke ich an die Jünger, die bunt zusammengewürfelt am See frühstücken, denke ich daran, dass Paulus selbst gesagt hat, dass die Menschen zur Gemeinschaft berufen sind. „Seit achtzehn Jahren wohne ich im Stadtteil, heute habe ich ganz neue Ecken kennengelernt. Und ich bin mit so vielen Menschen ins Gespräch gekommen.“ Das sagt einer. Und während die einen Kinderkleidung anbieten, die andern Kunst und dritte Burgermuffins, während Kinder um Spielzeug feilschen, zeigen Rentner stolz ihre Baumpfingstrosen und eine andere verkauft in ihrer Wohnung die Sammlerplatte von Elvis Presley – aus ihrer Jugend. Das Miteinander eins ganzen Stadtteiles wird greifbar, und eine Euphorie schwappt bei Kaiserwetter durch den gebeutelten Stadtteil am Rhein. Dazwischen immer wieder Gespräche. Über Glauben und Unglauben, über Kirche und Austritte, über das Anderssein und das Gutfühlen, und ja, auch und nicht zuletzt und sicher nicht wenig über Gott. Das ist Evangelium in Wort und Tat. Und das ist Kirche. Das ist genauso Kirche wie Seniorenkreis und Gemeindebriefteam, es ist genauso Kirche wie Krankenhaus- und Berufsschulpfarramt. Es ist nicht mehr, aber sicher auch nicht weniger als das. Und erst in der Mischung wird das breitenwirksam. Wenn ich also einen Wunsch äußern dürfte, wäre das, dieser Frage die Bissigkeit zu nehmen, mit der sie oft gestellt wird. Wir leben nicht in einer Konkurrenz um die einzig wahre Form von Kirche. Es muss ein Nebeneinander, ein Miteinander, vielleicht auch ein Durcheinander von klassischen und neuen Formen geben, Mischungen und Reinformen – all das aber ohne Angst und Wut und Neid und Druck. Erst das Miteinander wirkt. Wie bei den Jüngern damals, wie beim Radio, bei den Ärzten, in der Literatur, eigentlich fast überall. Fragen ohne Gehässigkeit. Mit einem Sinn fürs Miteinander.

Aber hört nicht auf zu fragen! Fruchtbar wäre die Frage immer dann, wenn wir uns auf die Aufgabe von Kirche beziehen. Was ist Kirche? Diese Frage muss sich daran messen lassen, was Christum treibet, was also das Reich Gottes auf Erden näher bringt. Daran, ob Sakramente geteilt und Evangelium verkündigt wird, muss sich aber jeder selbst messen, nicht in Konkurrenz zu anderen sondern als ehrliche und immer wieder zu erneuernde Bilanz der eigenen Arbeit. Und da kann der Dialog helfen, die kritische und offen interessierte Frage. Ein Freund von mir kann das sehr gut und hat immer wieder seine Hand in die Wunden gelegt. Das hat uns als beymeister vorangebracht, das bringt Kirche insgesamt voran. Ohne Hintergedanken gestellt, hilft diese Frage weiter. Und nach einem Flohmarkttag wie gestern habe ich auf diese Frage viele gute Antworten. 

 

Pionierarbeit als Einbahnstraße oder: Wovor habt Ihr Angst?

Seit vier Jahren bin ich nun sowas wie ein Pionier. Ich habe dafür in Hannover eine Ausbildung gemacht, habe Sofas getragen und Bierkisten geschleppt, habe Scham gespürt und meine Komfortzone erweitert. Ich habe mich Entscheidungsträgern diskutiert und mich mit Gegnern auseinandergesetzt. Ich habe um Geld gebettelt und mir wahlweise theologischen Fundamentalismus oder ekklesiologische Beliebigkeit vorwerfen lassen müssen. All das aber nicht als Opfer, sondern weil ich es so wollte. Nicht um Mitleid zu erregen oder mich zu kasteien, sondern weil ich daran glaube, dass eine andere Kirche möglich ist.

Und ich habe gemerkt, dass das funktioniert. Das funktioniert bei den beymeistern. Und es funktioniert in den Gemeinden, in denen ich ganz klassisch die Pfarrstelle vertreten habe. Es funktioniert in verschiedenen Milieus, im besser gestellten Vorort ebenso wie im Brennpunkt, an der Schwelle der Gentrifizierung ebenso wie in überalterten Wohngegenden.

Es funktioniert auf vielen Ebenen. Es funktioniert da, wo klassische Gemeinde Neues wagt. Sei es auf der Fresh-Expressions-Ebene, sei es in der Stadtteilarbeit, sei es in aufpolierten und vom Ballast befreiten klassischen Formen. Es funktioniert mit Geldgebern, die Neues tragen wollen und mit Presbyterien, die Neues gefürchtet haben und nun seine Früchte ernten. Es funktioniert mit kirchenkritischen Stadtteilbewohnern ebenso wie mit tief kirchlich verwurzelten Senioren. Es funktioniert mit Menschen, die Spenden geben, es funktioniert mit Menschen, die Kirche fördern.

Ich treffe alte Damen, die sich freuen, dass ein neuer Wind weht, ich treffe junge Menschen, die sich wundern, dass Kirche auch 2018 kann. Und ich treffe so viele Menschen, die sich nach einer Kirche sehnen, die das wagt! Die sich klassische Gemeinden mit modernem Angesicht wünschen, die sich wünschen, dass es hochwertig zugeht und nicht angestaubt, die sich wünschen, dass mehr Digitales, mehr Multimediales, mehr Normales, Alltägliches in die Kirche einfließt – all das, was in der Straßenbahn, in der Innenstadt, im Freibad und im Biergarten ihre Lebenswelt bestimmt.

Warum haben in der Kirche so viele Menschen Angst vor der Welt? Ich begegne der Angst, etwas am Status Quo zu ändern und frage mich: Warum denn nicht? Es funktioniert doch, und die Gemeindeglieder sehnen sich auch danach. Ich begegne Angst, dass nun alles verloren geht, was lieb und teuer ist und frage mich: Warum? Nur weil ich das Bestehende verbessere, heißt es doch nicht, dass alles über Bord geworfen wird, was über 2000 Jahre gewachsen ist. Ich begegne der Angst, dass die Kirche an Wert verliert und frage mich: Warum? Die Kirche kann doch nur an Wert gewinnen, wenn mehr Menschen ihren Wert erkennen. Ich begegne der Angst, dass sich Menschen nicht mehr daheim fühlen und frage mich: Woher kommt die? Ist es nicht eher eine Sorge wert, dass sich der überwiegende Anteil der Menschen im Moment in der kirchlichen Welt nicht zuhause fühlen kann? Sollte man nicht dieser Sorge Rechnung tragen und mehr Menschen beheimaten? Ich begegne der Angst, dass die hohe Qualität der Arbeit verloren geht. Und ich frage mich: Wo? An so vielen Stellen begegne ich zwar liebevoll gemachter Arbeit, die aber aus der Angst, etwas zu verlieren so viel Potential verliert. Und ich begegne der Angst, dass wir die letzten sind, die das Licht ausmachen. Weil keiner mehr kommt. Weil sie alle den Wert der Kirche nicht erkennen wollen. Und da frage ich mich: Wieso nicht? Vielleicht weil diese Art von Kirche für viele Menschen in ihrem Wert einfach nicht erkennbar ist? Vielleicht weil die Angst berechtigt ist, gerade wenn wir nichts ändern? Ich begegne der Angst, einzusehen, dass wir nicht mehr Volkskirche sind. Und ich denke: Wieso? Ist nicht der erste Schritt in die Realität, diese überhaupt wahrzunehmen? Dann kann man anfangen, was zu tun. Und es fängt ja an einigen Stellen an. Ich sehe ja auch viel Gutes in unserer Kirche. Ich sehe viel Gutes im ganz Klassischen. Ich sehe viel Gutes in neuen Ansätzen. Aber letztlich bestimmt sich der Wert des Guten daran, ob die anderen das auch sehen können. Und das können sie nicht, solange die Angst regiert.

Dabei braucht es die doch gar nicht. Es gibt gute theologische Gründe, die zeigen, dass Gott eine Kirche möchte. Und es gibt das sichere Versprechen, dass er sie nicht alleine lässt. Dieses Versprechen verpflichtet aber. Es verpflichtet dazu, die Angst zurückzulassen, denn er hat die Welt der Angst überwunden. Das verpflichtet dazu, angstfrei über den eigenen Tellerrand zu schauen. Es verpflichtet dazu, es so gut wie möglich zu machen. So gut wie nötig – nicht, um den Laden irgendwie über Wasser zu halten – sondern so gut wie nötig, um aufrecht sagen zu können: Wir bauen am besten mit, was wir bieten können.

Da ist Luft nach oben.

Für mich bedeutet das, dass ich weitermachen möchte. Als Pionier, als jemand, der sich von den positiven Signalen ermutigen lässt, der sieht, dass es funktioniert. Weil Pioniersein eben eine Einbahnstraße ist. Wer einmal merkt, wie gut es sich anfühlt, Kirche 2018 zu gestalten, der möchte da weitermachen. Eben weil es funktioniert. Und ich wünsche mir, dass mehr dabei mitmachen. Dass all die Pfarrerinnen und Pfarrer, die Gemeindeglieder und Presbyterien sich anstecken lassen von der Lust am neuen Kirchesein. Am Kirchesein im heutigen Gewand. Mit höchsten Ansprüchen, höchster Qualität und – vor allem – mit viel weniger Angst.

 

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Straßenschild in Köln Nippes.

Stelle frei: in London.

Pioniere, aufgepasst! Die deutsche Gemeinde in London und Oxford sucht ab September eine Pfarrerin/einen Pfarrer für zwei Jahre. Es ist eine tolle Stelle mit tollen Menschen vor Ort. Hier die Ausschreibung:
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Gemeindearbeit in London und Oxford

Die deutschsprachigen Evangelischen Gemeinden des Pfarramtsbereichs London-West suchen zum 1. September 2018, gerne auch früher,
eine Theologin/einen Theologen mit zweitem Examen
für die Mitgestaltung der Gemeindearbeit in London und Oxford, insbesondere für die Arbeit mit Kindern und jungen Erwachsenen, die Konfirmandenarbeit und die Gestaltung von Gottesdiensten.
Sie sind
– evangelische/r Theologe/in mit zweitem Examen und nach Möglichkeit in einer deutschen Landeskirche ordiniert
– an einer vielseitigen und anspruchsvollen Tätigkeit in einem spannenden deutsch- englischen und ökumenischen Umfeld interessiert
– in der Lage, selbständig und theologisch reflektiert zu arbeiten
– bereit, mit den zahlreichen Ehrenamtlichen der drei Auslandsgemeinden und dem von
der EKD entsandten Pastor gut und vertrauensvoll zusammenzuarbeiten
– mit der englischen Sprache gut vertraut
– bereit, viel mit U-Bahn, Bahn und PKW im Großraum London und Oxford unterwegs zu
sein.
Wir bieten Ihnen
– Gehalt und Sozialversicherung nach englischem Tarif
– einen auf zwei Jahre befristeten Dienstvertrag
– eine Mietbeihilfe und einen Zuschuss zu den Umzugskosten

Für weitere Auskünfte steht Ihnen Pastor Georg Amann (Tel. 0044-7584 060649, E-Mail: pfarramt@ev-kirche-london-west.org.uk) zur Verfügung. Ein Informationsblatt zu den Arbeitsschwerpunkten und Rahmenbedingungen senden wir auf Anfrage gerne zu.

Ihre aussagekräftige Bewerbung mit ausführlichem Lebenslauf und Zeugniskopien richten Sie bitte per E-Mail bis zum 15. März 2018 an:
Pfarramt London-West, 78 Station Road, London SW13 0LS, Großbritannien
E-Mail: pfarramt@ev-kirche-london-west.org.uk

Ein Ort, um Träumende zu treffen

Dieser Blog versteht sich als ein Medium, um Gedanken und Träume auszutauschen, um sich gegenseitig anzustecken mit Ideen, die selber vielleicht unfertig oder auch nur angedacht sind.

Wäre es nicht schön, Menschen einen Abend lang treffen zu können, um dies ganz intensiv und konzentriert zu machen? Ein Abend von hundert Träumenden, die schon angefangen haben, diese Träume umzusetzen, mit und an ihnen zu bauen, die Ideen haben, die anstecken und Lust haben, sich von Ideen anderer anstecken zu lassen?

Ich finde, das klingt gut.

Daher laden wir ein zum missionale.atelier.

Hundert Menschen kommen für fünf Stunden in Köln zusammen, um sich zu inspirieren. Sie bekommen dazu einen Input von Frank Berzbach, einem großartigen Denker, der mit uns über Frust und Kreativität ins Gespräch kommt.

Und wer sich ganz konkret in seinem Traumbau beraten lassen möchte, der bekommt Hilfe von Bob und Mary Hopkins, zwei erfahrenen Menschen aus England, deren Beruf es ist, Kirchenträumer zu stärken.

missionale.atelier

23.2.2018 | 18-23 Uhr | Solution Space am Kölner Dom | Unkostenbeitrag: 15 Euro
Anmeldung unter info@missionale.de

Mehr Infos findet Ihr hier:

Zum Atelier:
http://missionale.ekir.de/atelier/
Zu Frank Berzbach:
https://www.frankberzbach.com
Zu Bob & Mary Hopkins: http://community.sharetheguide.org/about/team/bobandmaryhopkins

 

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