Ist das Kirche? – was ein Flohmarkt mit kirchlichem Monokulturismus zu tun hat.

Was ist daran eigentlich Kirche?

Achtundzwanzig Grad kündigt die Wettervorhersage an. Und der Himmel gehorcht. Bei Kaiserwetter öffnet Mülheim seine Türen und Tore und fegt die Trottoirs. Stände schießen aus dem Boden. Die beymeister, unser Fresh-X-Projekt in Köln, hat dazu eingeladen. Und über sechzig Stände sind angemeldet, dazu kommen die, die spontan mitmachen. Der Garten des evangelischen Gemeindehauses macht auch mit, wimmelt von Menschen so wie der beymeister-Laden, überall begegnen Leute mit den Stadtplänen, auf denen die Stände eingezeichnet sind. Mülheim ist in Festtagsstimmung an diesem Sonntag, und es hat sich schön gemacht. Luftballons weisen auf die Hinterhofstände hin, hier und dort weisen Kreidepfeile den Weg. „Trödel Dich glücklich“, hat wer auf den Boden geschrieben. „Das ist von der Kirche?“ Ja. Es ist. Der Hofflohmarkt hat hunderte, vielleicht tausende Besucher durch Mülheim flanieren lassen. Menschen schieben Kinderwagen mit Skateboards drauf durch die Gegend, Kinderaugen leuchten, Erwachsene trinken Kaffee und Sekt zu Kuchen und Waffeln. Es fühlt sich gut an, weil hier all die Liebe und Mühe sichtbar wird, die die Mülheimer in die Begegnung mit anderen investieren. Danke, Mülheim, fürs Mitmachen!

Wenn ich Kolleginnen und Kollegen von Aktionen wie dem Flohmarktstand vorschwärme, sind sie erst begeistert. Immer wieder begegnet mir dann aber schnell diese Frage, die Frage, was denn an so etwas Kirche sei. 

Ich glaube, diese Frage ist so falsch wie richtig. Das sind wertende Kategorien, ich weiß. Aber die Frage ist genauso wertend, selten getragen von wirklichem Interesse, sondern eher von Unverständnis, manchmal auch Ablehnung, vielleicht sogar ein wenig Neid. „Was soll denn daran bitte Kirche sein?“ 

Richtig an der Frage ist, dass das, was wir machen anders aussieht als das, was die Menschen gemeinhin unter Kirche verstehen. Wir haben kein Gebäude mit Turm, wir haben andere Zeiten. Und wir sind weniger anders als die Menschen das von Kirche gewohnt sind. Wir sind nicht anders genug, um für die Leute Kirche zu sein, wie sie sie kennen und als unanwendbar für ihr Leben empfinden. Wir sind nicht anders genug, um von den Menschen als für ihre Biographie irrelevant wahrgenommen zu werden. Wir sind ihnen weniger fremd. Wir sind anschlussfähig, weil wir anschließen, wo so viele klassische Formen Menschen ausschließen. Sie wollen das nicht, ausschließen, wer will das schon, aber es passiert unfreiwillig, weil man natürlich nicht alle ansprechen kann. Und so sind wir eine Form von Kirche für Menschen, die mit kirchlichen Formen nicht umgehen wollen. So schaffen wir es, die Menschen in ihrem Leben zu begleiten, uns in ihrem Leben mitnehmen zu lassen und so mit ihnen gemeinsam ein Stück des Weges zu gehen. Im selben Maße, wie wir für die Menschen zum Ansprechpartner werden, werden wir dabei für die Menschen in der Kirche fremd, irgendwie beargwöhnt und mit der Frage konfrontiert, was denn daran bitte Kirche sei. Und so schließen wir natürlich auch Menschen aus – wer tut das nicht? Unfreiwillig, weil man so ist wie man ist.

Dabei entsteht entsteht aber zwischen und um und über all den kritischen Stimmen eine weitere Facette des Reiches Gottes, eine weitere Spielart in der Symphonie des Höchsten, eine Spielart für Menschen mit anderem Gehör und einem anderen Gefühl für Harmonie. Dissonant wirkt das in unserem kirchlichen Hörgewohnheiten, aber was dort entsteht ist Musik wie das klassisch Kirchliche auch Musik ist. Nur eben anders. 

Und damit bin ich wieder beim Flohmarkt. Während einer staunt, dass das Viertel auf einmal „nicht trist sondern bunt und lebensfroh wirkt“, während etliche sagen, dass es nicht um die Flohmarkteinnahmen sondern um das spürbar werdende Miteinander geht, während Menschen sich in und um ihre Häuser zum Kennenlernen und Mittagessen treffen, denke ich an Zachäus, der Fremde zu Mittag beherbergt und so Jesus kennen lernt, denke ich an die Jünger, die bunt zusammengewürfelt am See frühstücken, denke ich daran, dass Paulus selbst gesagt hat, dass die Menschen zur Gemeinschaft berufen sind. „Seit achtzehn Jahren wohne ich im Stadtteil, heute habe ich ganz neue Ecken kennengelernt. Und ich bin mit so vielen Menschen ins Gespräch gekommen.“ Das sagt einer. Und während die einen Kinderkleidung anbieten, die andern Kunst und dritte Burgermuffins, während Kinder um Spielzeug feilschen, zeigen Rentner stolz ihre Baumpfingstrosen und eine andere verkauft in ihrer Wohnung die Sammlerplatte von Elvis Presley – aus ihrer Jugend. Das Miteinander eins ganzen Stadtteiles wird greifbar, und eine Euphorie schwappt bei Kaiserwetter durch den gebeutelten Stadtteil am Rhein. Dazwischen immer wieder Gespräche. Über Glauben und Unglauben, über Kirche und Austritte, über das Anderssein und das Gutfühlen, und ja, auch und nicht zuletzt und sicher nicht wenig über Gott. Das ist Evangelium in Wort und Tat. Und das ist Kirche. Das ist genauso Kirche wie Seniorenkreis und Gemeindebriefteam, es ist genauso Kirche wie Krankenhaus- und Berufsschulpfarramt. Es ist nicht mehr, aber sicher auch nicht weniger als das. Und erst in der Mischung wird das breitenwirksam. Wenn ich also einen Wunsch äußern dürfte, wäre das, dieser Frage die Bissigkeit zu nehmen, mit der sie oft gestellt wird. Wir leben nicht in einer Konkurrenz um die einzig wahre Form von Kirche. Es muss ein Nebeneinander, ein Miteinander, vielleicht auch ein Durcheinander von klassischen und neuen Formen geben, Mischungen und Reinformen – all das aber ohne Angst und Wut und Neid und Druck. Erst das Miteinander wirkt. Wie bei den Jüngern damals, wie beim Radio, bei den Ärzten, in der Literatur, eigentlich fast überall. Fragen ohne Gehässigkeit. Mit einem Sinn fürs Miteinander.

Aber hört nicht auf zu fragen! Fruchtbar wäre die Frage immer dann, wenn wir uns auf die Aufgabe von Kirche beziehen. Was ist Kirche? Diese Frage muss sich daran messen lassen, was Christum treibet, was also das Reich Gottes auf Erden näher bringt. Daran, ob Sakramente geteilt und Evangelium verkündigt wird, muss sich aber jeder selbst messen, nicht in Konkurrenz zu anderen sondern als ehrliche und immer wieder zu erneuernde Bilanz der eigenen Arbeit. Und da kann der Dialog helfen, die kritische und offen interessierte Frage. Ein Freund von mir kann das sehr gut und hat immer wieder seine Hand in die Wunden gelegt. Das hat uns als beymeister vorangebracht, das bringt Kirche insgesamt voran. Ohne Hintergedanken gestellt, hilft diese Frage weiter. Und nach einem Flohmarkttag wie gestern habe ich auf diese Frage viele gute Antworten. 

 

Advertisements

Pionierarbeit als Einbahnstraße oder: Wovor habt Ihr Angst?

Seit vier Jahren bin ich nun sowas wie ein Pionier. Ich habe dafür in Hannover eine Ausbildung gemacht, habe Sofas getragen und Bierkisten geschleppt, habe Scham gespürt und meine Komfortzone erweitert. Ich habe mich Entscheidungsträgern diskutiert und mich mit Gegnern auseinandergesetzt. Ich habe um Geld gebettelt und mir wahlweise theologischen Fundamentalismus oder ekklesiologische Beliebigkeit vorwerfen lassen müssen. All das aber nicht als Opfer, sondern weil ich es so wollte. Nicht um Mitleid zu erregen oder mich zu kasteien, sondern weil ich daran glaube, dass eine andere Kirche möglich ist.

Und ich habe gemerkt, dass das funktioniert. Das funktioniert bei den beymeistern. Und es funktioniert in den Gemeinden, in denen ich ganz klassisch die Pfarrstelle vertreten habe. Es funktioniert in verschiedenen Milieus, im besser gestellten Vorort ebenso wie im Brennpunkt, an der Schwelle der Gentrifizierung ebenso wie in überalterten Wohngegenden.

Es funktioniert auf vielen Ebenen. Es funktioniert da, wo klassische Gemeinde Neues wagt. Sei es auf der Fresh-Expressions-Ebene, sei es in der Stadtteilarbeit, sei es in aufpolierten und vom Ballast befreiten klassischen Formen. Es funktioniert mit Geldgebern, die Neues tragen wollen und mit Presbyterien, die Neues gefürchtet haben und nun seine Früchte ernten. Es funktioniert mit kirchenkritischen Stadtteilbewohnern ebenso wie mit tief kirchlich verwurzelten Senioren. Es funktioniert mit Menschen, die Spenden geben, es funktioniert mit Menschen, die Kirche fördern.

Ich treffe alte Damen, die sich freuen, dass ein neuer Wind weht, ich treffe junge Menschen, die sich wundern, dass Kirche auch 2018 kann. Und ich treffe so viele Menschen, die sich nach einer Kirche sehnen, die das wagt! Die sich klassische Gemeinden mit modernem Angesicht wünschen, die sich wünschen, dass es hochwertig zugeht und nicht angestaubt, die sich wünschen, dass mehr Digitales, mehr Multimediales, mehr Normales, Alltägliches in die Kirche einfließt – all das, was in der Straßenbahn, in der Innenstadt, im Freibad und im Biergarten ihre Lebenswelt bestimmt.

Warum haben in der Kirche so viele Menschen Angst vor der Welt? Ich begegne der Angst, etwas am Status Quo zu ändern und frage mich: Warum denn nicht? Es funktioniert doch, und die Gemeindeglieder sehnen sich auch danach. Ich begegne Angst, dass nun alles verloren geht, was lieb und teuer ist und frage mich: Warum? Nur weil ich das Bestehende verbessere, heißt es doch nicht, dass alles über Bord geworfen wird, was über 2000 Jahre gewachsen ist. Ich begegne der Angst, dass die Kirche an Wert verliert und frage mich: Warum? Die Kirche kann doch nur an Wert gewinnen, wenn mehr Menschen ihren Wert erkennen. Ich begegne der Angst, dass sich Menschen nicht mehr daheim fühlen und frage mich: Woher kommt die? Ist es nicht eher eine Sorge wert, dass sich der überwiegende Anteil der Menschen im Moment in der kirchlichen Welt nicht zuhause fühlen kann? Sollte man nicht dieser Sorge Rechnung tragen und mehr Menschen beheimaten? Ich begegne der Angst, dass die hohe Qualität der Arbeit verloren geht. Und ich frage mich: Wo? An so vielen Stellen begegne ich zwar liebevoll gemachter Arbeit, die aber aus der Angst, etwas zu verlieren so viel Potential verliert. Und ich begegne der Angst, dass wir die letzten sind, die das Licht ausmachen. Weil keiner mehr kommt. Weil sie alle den Wert der Kirche nicht erkennen wollen. Und da frage ich mich: Wieso nicht? Vielleicht weil diese Art von Kirche für viele Menschen in ihrem Wert einfach nicht erkennbar ist? Vielleicht weil die Angst berechtigt ist, gerade wenn wir nichts ändern? Ich begegne der Angst, einzusehen, dass wir nicht mehr Volkskirche sind. Und ich denke: Wieso? Ist nicht der erste Schritt in die Realität, diese überhaupt wahrzunehmen? Dann kann man anfangen, was zu tun. Und es fängt ja an einigen Stellen an. Ich sehe ja auch viel Gutes in unserer Kirche. Ich sehe viel Gutes im ganz Klassischen. Ich sehe viel Gutes in neuen Ansätzen. Aber letztlich bestimmt sich der Wert des Guten daran, ob die anderen das auch sehen können. Und das können sie nicht, solange die Angst regiert.

Dabei braucht es die doch gar nicht. Es gibt gute theologische Gründe, die zeigen, dass Gott eine Kirche möchte. Und es gibt das sichere Versprechen, dass er sie nicht alleine lässt. Dieses Versprechen verpflichtet aber. Es verpflichtet dazu, die Angst zurückzulassen, denn er hat die Welt der Angst überwunden. Das verpflichtet dazu, angstfrei über den eigenen Tellerrand zu schauen. Es verpflichtet dazu, es so gut wie möglich zu machen. So gut wie nötig – nicht, um den Laden irgendwie über Wasser zu halten – sondern so gut wie nötig, um aufrecht sagen zu können: Wir bauen am besten mit, was wir bieten können.

Da ist Luft nach oben.

Für mich bedeutet das, dass ich weitermachen möchte. Als Pionier, als jemand, der sich von den positiven Signalen ermutigen lässt, der sieht, dass es funktioniert. Weil Pioniersein eben eine Einbahnstraße ist. Wer einmal merkt, wie gut es sich anfühlt, Kirche 2018 zu gestalten, der möchte da weitermachen. Eben weil es funktioniert. Und ich wünsche mir, dass mehr dabei mitmachen. Dass all die Pfarrerinnen und Pfarrer, die Gemeindeglieder und Presbyterien sich anstecken lassen von der Lust am neuen Kirchesein. Am Kirchesein im heutigen Gewand. Mit höchsten Ansprüchen, höchster Qualität und – vor allem – mit viel weniger Angst.

 

IMG_1092.jpg
Straßenschild in Köln Nippes.

Stelle frei: in London.

Pioniere, aufgepasst! Die deutsche Gemeinde in London und Oxford sucht ab September eine Pfarrerin/einen Pfarrer für zwei Jahre. Es ist eine tolle Stelle mit tollen Menschen vor Ort. Hier die Ausschreibung:
________

Gemeindearbeit in London und Oxford

Die deutschsprachigen Evangelischen Gemeinden des Pfarramtsbereichs London-West suchen zum 1. September 2018, gerne auch früher,
eine Theologin/einen Theologen mit zweitem Examen
für die Mitgestaltung der Gemeindearbeit in London und Oxford, insbesondere für die Arbeit mit Kindern und jungen Erwachsenen, die Konfirmandenarbeit und die Gestaltung von Gottesdiensten.
Sie sind
– evangelische/r Theologe/in mit zweitem Examen und nach Möglichkeit in einer deutschen Landeskirche ordiniert
– an einer vielseitigen und anspruchsvollen Tätigkeit in einem spannenden deutsch- englischen und ökumenischen Umfeld interessiert
– in der Lage, selbständig und theologisch reflektiert zu arbeiten
– bereit, mit den zahlreichen Ehrenamtlichen der drei Auslandsgemeinden und dem von
der EKD entsandten Pastor gut und vertrauensvoll zusammenzuarbeiten
– mit der englischen Sprache gut vertraut
– bereit, viel mit U-Bahn, Bahn und PKW im Großraum London und Oxford unterwegs zu
sein.
Wir bieten Ihnen
– Gehalt und Sozialversicherung nach englischem Tarif
– einen auf zwei Jahre befristeten Dienstvertrag
– eine Mietbeihilfe und einen Zuschuss zu den Umzugskosten

Für weitere Auskünfte steht Ihnen Pastor Georg Amann (Tel. 0044-7584 060649, E-Mail: pfarramt@ev-kirche-london-west.org.uk) zur Verfügung. Ein Informationsblatt zu den Arbeitsschwerpunkten und Rahmenbedingungen senden wir auf Anfrage gerne zu.

Ihre aussagekräftige Bewerbung mit ausführlichem Lebenslauf und Zeugniskopien richten Sie bitte per E-Mail bis zum 15. März 2018 an:
Pfarramt London-West, 78 Station Road, London SW13 0LS, Großbritannien
E-Mail: pfarramt@ev-kirche-london-west.org.uk

Ein Ort, um Träumende zu treffen

Dieser Blog versteht sich als ein Medium, um Gedanken und Träume auszutauschen, um sich gegenseitig anzustecken mit Ideen, die selber vielleicht unfertig oder auch nur angedacht sind.

Wäre es nicht schön, Menschen einen Abend lang treffen zu können, um dies ganz intensiv und konzentriert zu machen? Ein Abend von hundert Träumenden, die schon angefangen haben, diese Träume umzusetzen, mit und an ihnen zu bauen, die Ideen haben, die anstecken und Lust haben, sich von Ideen anderer anstecken zu lassen?

Ich finde, das klingt gut.

Daher laden wir ein zum missionale.atelier.

Hundert Menschen kommen für fünf Stunden in Köln zusammen, um sich zu inspirieren. Sie bekommen dazu einen Input von Frank Berzbach, einem großartigen Denker, der mit uns über Frust und Kreativität ins Gespräch kommt.

Und wer sich ganz konkret in seinem Traumbau beraten lassen möchte, der bekommt Hilfe von Bob und Mary Hopkins, zwei erfahrenen Menschen aus England, deren Beruf es ist, Kirchenträumer zu stärken.

missionale.atelier

23.2.2018 | 18-23 Uhr | Solution Space am Kölner Dom | Unkostenbeitrag: 15 Euro
Anmeldung unter info@missionale.de

Mehr Infos findet Ihr hier:

Zum Atelier:
http://missionale.ekir.de/atelier/
Zu Frank Berzbach:
https://www.frankberzbach.com
Zu Bob & Mary Hopkins: http://community.sharetheguide.org/about/team/bobandmaryhopkins

 

23215459_10214446544861601_800371997844755799_o.jpg

Kaffee im Gottesdienst. Tut das weh?

Wenn die Leute ins Kino gehen, dann gibt es nach dem Kassenhäuschen immer diese verheißungsvollen Stationen. Da werden Popcorn, Eiskonfekt und Nachos angeboten. Die kauft man sich und nimmt sie mit hinein in den Film. Denn Film und Knabbern, das gehört für viele zusammen. In manchen besonders edlen Kinos gibt es sogar Bedienung am Platz. Weil es das Vergnügen steigert, mehr Sinne zu befeuern.

Wenn ich Familien vor dem Gottesdienst einen Kaffee anbiete, dann freuen sie sich. Schamvoll stellen sie die Tasse aber schnell weg, wenn es ans Reingehen geht. Warum? Weil sie im Gottesdienst Gott begegnen wollen. Weil es ein heiliger Moment ist? Vielleicht deswegen. Dann denke ich aber daran, was passiert, wenn ich Besuch bekomme. Wäre es nicht unhöflich, Ihnen nichts zu Trinken anzubieten? Wäre es nicht unter Umständen auch ungemütlich, keine Teetasse, kein Weinglas oder wasauchimmer in der Hand zu haben, während man über sein Leben spricht? Bricht es nicht das Eis, Menschen im Seelsorgegespräch ein Glas Wasser anzubieten?

Würden sich die Menschen nicht ganz anders auf den Gottesdienst einlassen, wenn sie währenddessen auch mit anderen Sinnen genießen könnten? Darf ein Gottesdienst nicht genussvoll sein?

Ich denke: er darf.

Und dann träume ich weiter, denke an meine Jugend, wo nach der Werbung im Kino ein Mann mit Bauchladen reinkam und Eis und Süßigkeiten verkaufte. Zehn Minuten vor Gottesdienstbeginn nochmal nachschenken? Das wäre doch was, oder? Es wäre das Rahmenprogramm, das Lust auf das Hauptprogramm macht. Vielleicht kann ich ja von Air Berlin ein paar von diesen Getränkewagen aus der Konkursmasse ziehen… hach.

Aber bis dahin kann man auch einfach am Eingang der Kirche einen Tisch mit Kaffee hinstellen. Und mit einem freundlichen Schild: „Nehmen Sie den Kaffee gerne mit rein. Sie dürfen sich wohlfühlen.“

IMG_8442.jpg
Bereit für die Vorstellung?

Tut niemandem weh! Oder: Wer bestimmt die Agenda?

In einer jüngst erschienenen Studie der Bertelsmann-Stiftung kam heraus, dass sich die deutsche Gesellschaft aufteilt in Modernisierungsbefürworter und Modernisierungsskeptiker. Die Studie hatte einen konkreten Anlass, es ging um das Wählerverhalten bei der Bundestagswahl. In allen Parteien überwogen die Modernisierungsbefürworter, außer in der AFD, in der die Skeptiker eine große Merhheit haben. Das bedeutet zweierlei, nämlich einerseits, dass es, neutral gesagt, wohl schwierig ist, mit dieser Wählerschaft eine zukunftsorientierte und modernisierungsoffene Politik zu gestalten, andererseits aber auch, dass es sich bei vielen Wählern eher um Menschen mit einer ablehnenden Grundhaltung und nicht so sehr um Menschen mit einer politischen Vision handelt.

Ich möchte gar nicht weiter auf das Feld der Politik eingehen, weil ich weder die AFD großreden noch sie kurz abhandeln möchte. In diesem Artikel soll es gar nicht weiter um die AFD gehen. Mich hat vor allem die Frage nach der Modernisierungsoffenheit in den letzten Tagen begleitet. Um das sehr klar zu sagen: es geht mir nicht um Parallelen zwischen der AFD und der Kirche. Mir geht es schlicht um die Frage, wie es sich eigentlich zwischen Modernisierungskritikern und -befürworten in der Kirche verhält, konkret innerhalb der Gemeinde.

In der Parochialgemeinde, in der ich momentan arbeite und wohl auch in der davor, gab es einen deutlichen Überhang älterer Personen. Zumindest waren es die Älteren, die sich aktiv in dieser Gemeinde engagiert haben. Jüngere Gemeindeglieder gibt es auch, die allermeisten von ihnen tauchen allerdings nicht auf.

Möchte ich in der Gemeinde Neuerungen einführen, merke ich recht schnell, dass der Teil der Modernisierungsskeptiker in der aktiven Gemeinde wenn schon nicht größer so doch zumindest lauter ist als der der Befürworter – auch wenn ich die Veränderungen planvoll nach den Kunstregeln des Changemanagements durchführe.

Und wenn es schon nicht zu Protesten kommt, so merke ich, dass es schwierig ist, die Menschen zu mobilisieren. Veränderungen sind anstrengend, und gerade ältere Menschen – so wird es mir dann gesagt – tun sich damit schwer. Auch wenn ich weiß, dass Veränderungsbereitschaft nicht unbedingt etwas mit dem Alter zu tun hat, nehme ich es in der Gemeinde als häufig genutztes Argument wahr.

Die Gemeinde wird dadurch behäbig, was Veränderungen angeht. Und auch wenn der Gedanke sicher richtig ist, dass man möglichst viele Menschen mitnehmen möchte, kommt es mir doch schräg vor, dass es in vielen der Gemeinden, die ich kenne, eine lähmende, bremsende Dynamik gibt. Es ist eine grundlegende Skepsis Neuem gegenüber, ein Anhängen an Altem, von dem vieles aber gar nicht mehr funktioniert.

Nun könnte man sagen: lass sie machen. In fünfzehn Jahren sind viele dieser Menschen nicht mehr fit genug, um noch in die Gemeinde zu kommen.

Ich glaube aber, dass wir diese Zeit nicht haben.

Und ich denke wieder an die Verhältnisse. Wie verhalten sich eigentlich die Anzahl der Modernisierungsbefürworter und die der –skeptiker  auf die Gesamtzahl der Gemeindeglieder gesehen? Oder noch weiter gefragt: drückt sich im vehementen Fernbleiben der allermeisten Kirchenglieder (ich weiß, es gibt Ausnahmen) nicht auch eine Sehnsucht nach Modernisierung, nach Öffnung, nach Veränderung aus? Sicher, viele haben diese Sehnsucht, diesen Anspruch an die Kirche schon aufgegeben oder verloren. Aber noch sind sie zahlende Mitglieder, haben also ein Anrecht auf Überraschungen.

In schweden bin ich vor einigen Wochen über einen Kollektenautomaten gestolpert. Man konnte dort die Kollekte bequem mit Kreditkarte bezahlen. Ein logischer Schritt in einem Land, das immer weniger Bargeld benutzt und auf digitalen Geldverkehr setzt. Ich frage mich, wie ein solch logischer Schritt in der aktiven Gemeinde und in der „passiven“ Gemeinde bei mir in Köln aufgenommen worden wäre. Meine Vermutung: sehr unterschiedlich. Die einen hätten sich gewundert, was denn aus dem bewährten guten alten Klingelbeutel geworden ist. Die anderen hätten sich gefreut über eine zeitgemäße Öffnung und das Aussparen des peinlichen Momentes, wenn ein fremder Mensch mit rotem Samtsack vor einem steht und wartet, dass ich schnell Kleingeld herauskrame, wobei mir klimpernd Münzen auf den Boden fallen und alle mich anstarren. Es ist nur ein Gedankenspiel. Aber es beinhaltet die ernste Frage: gibt es nicht eine passive Mehrheit der Veränderungsbefürworter in der Kirche und wäre es nicht logisch, sich mehr auf diese Menschen einzustellen?

Natürlich birgt dies Risiken. Kritiker mögen sagen, dass womöglich dann auch die treuen Kirchgänger wegblieben, dass sie bestraft würden für ihre Treue. Hier übertreibe ich nicht, das habe ich schon genau so gehört. Aber: wenn wir dieses Risiko nicht eingehen, dann können wir in zehn Jahren abschließen und den Schlüssel wegschmeißen. Braucht eh keiner mehr. Und auch wenn das der Mehrheit der Pfarrpersonen in zehn Jahren egal sein kann (sieht man sich die Alterspyramide an), ich habe da keine Lust drauf.

IMG_8468 2.jpg
Der schwedische Kollektenautomat. Gibt es übrigens auch inzwischen (selten) in Deutschland.

Ernte bedankt.

Kürbis und Lauch, die Schubkarre mit Sackleinen. Stroh. All das verbinde ich mit dem Erntedank meiner Kindheit, und tatsächlich tauchen diese Dekostücke auch heute noch in vielen Gemeinden auf. Inhaltlich sind viele Gemeinden aber inzwischen bei der Sicht angekommen, dass die Brücke zwischen Kirchenglied und Essensproduzent zumindest erklärungsbedürftig ist, was gut ist. An anderen Stellen wird auf die Metaebene gegangen, und der Dank von der wörtlichen Ernte als Bild auf das Leben und das, was gegeben wird, verschoben. Auch sehr brauchbar.

Einen spannenden dritten Weg geht der Wuppertaler Pfarrer Holger Pyka. Und den finde ich so gut, dass ich ihn hier gerne (und ohne ihn gefragt zu haben) verlinke. Ich hoffe, das ist okay.

Lest selbst, was dort an Erntedank passiert. Äußerst wunderbar, finde ich:

Holger Pyka, Erntedankmalanders

 

 

Kinder. In der Kirche. Und das gerne.

Im Sommer war ich in Schweden. Und wenn ich bislang dachte, dass wir in Deutschland in weiten Teilen eine kinderoffene Kirche haben, dann wurde ich dort eines Besseren belehrt. Die großen Kirche boten allesamt ein unglaubliches Kinderprogramm.

In der Kirche in Karlskrona gab es eine eigene Führung für Kinder. Am Eingang lagen Broschüren, mit denen man auf Mäusejagd gehen konnte. An allen relevanten Orten der Kirche versteckten sich kleine Stoffmäuse, sie lugten frech aus der Orgel, hinter der Kanzel hervor, steckten hinterm Parament und am Taufbecken. In der Broschüre wurden die Orte erklärt. Für die Kinder und für die Eltern. Unglaublich gut, knapp, treffend. Und es war alles wunderbar aufgemacht.

In anderen Kirchen fanden sich meine Kinder wie selbstverständlich zurecht. In einer gab es sogar eine kleine Spielkirche, die mit der örtlichen Handwerkskammer gebaut worden war. Man konnte reingehen, auf eine kleine Kanzel klettern, es gab Abendmahlskelche und sogar ein Taufbecken. Sah toll aus!

Und in fast allen Kirchen gab es Kinderecken. Dabei meine ich nicht, kleine Ecken, damit man auch was für Kinder anbieten kann, sondern schön eingerichtete Bereiche in der Kirche, in denen sich die Kinder ganz intuitiv wohlgefühlt haben. Eine Kirche hatte eine komplette Seitenkapelle für die Kinder umgebaut.

Natürlich kann man argumentieren, dass Schweden insgesamt ein sehr kinderfreundliches Land ist – stimmt auch. Aber könnte die Kirche bei uns hier nicht Signale setzen? Kann es nicht auch bei uns eine größere Selbstverständlichkeit dafür geben, dass Kinder kein Beiwerk sind? Ich meine das nicht auf die Eltern bezogen, sondern schlicht auf die Frage, welchen Platz Kinder ganz konkret im Gebäude haben, in der Kirche, in den Vollzügen.

Zwei Bänke raus, stattdessen ein schön eingerichteter Kinderbereich. Gerne mitten in der Kirche. Das wäre ein Signal. Wäre es nicht eine irre Vorstellung, wenn die Kinder gerne in die Kirche gingen, auch unter der Woche, weil sie sich dort wohl und willkommen fühlten? Mit welchem Verständnis von Kirche würden sie dann aufwachsen?